II-II, q. 61 a. 2
Ob die Mitte in der austeilenden Gerechtigkeit auf die gleiche Weise zu betrachten ist wie in der ausgleichenden?
Quaestio 61 · Von den Teilen der Gerechtigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Mitte in der austeilenden Gerechtigkeit auf die gleiche Weise zu betrachten ist wie in der ausgleichenden Gerechtigkeit. Denn jede von diesen ist eine Art der partikularen Gerechtigkeit, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Nun wird die Mitte in allen Teilen der Mäßigung oder der Tapferkeit auf die gleiche Weise genommen. Deshalb sollte die Mitte auch in der austeilenden wie in der ausgleichenden Gerechtigkeit auf die gleiche Weise betrachtet werden.
Einwand 2: Ferner besteht die Form einer moralischen Tugend im Einhalten der Mitte, die gemäß der Vernunft bestimmt ist. Da also eine Tugend eine Form hat, scheint es, dass die Mitte für beide dieselbe sein sollte.
Einwand 3: Ferner müssen wir, um die Mitte in der austeilenden Gerechtigkeit einzuhalten, die verschiedenen Verdienste der Personen berücksichtigen. Nun werden die Verdienste einer Person auch in der ausgleichenden Gerechtigkeit berücksichtigt, zum Beispiel bei Strafen; so wird ein Mann, der einen Fürsten schlägt, härter bestraft als einer, der eine Privatperson schlägt. Deshalb wird die Mitte in beiden Arten der Gerechtigkeit auf die gleiche Weise betrachtet.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. v, 3, 4), die Mitte in der austeilenden Gerechtigkeit werde gemäß der „geometrischen Proportion“ betrachtet, wohingegen sie in der ausgleichenden Gerechtigkeit der „arithmetischen Proportion“ folge.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), in der austeilenden Gerechtigkeit einer Privatperson etwas gegeben wird, insofern das, was dem Ganzen gehört, dem Teil geschuldet ist, und zwar in einer Quantität, die der Bedeutung der Position dieses Teils im Hinblick auf das Ganze proportional ist. Folglich empfängt eine Person in der austeilenden Gerechtigkeit umso mehr von den gemeinsamen Gütern, je mehr sie eine herausragende Position in der Gemeinschaft innehat. Dieser Vorrang wird in einer aristokratischen Gemeinschaft nach der Tugend bemessen, in einer Oligarchie nach dem Reichtum, in einer Demokratie nach der Freiheit und auf verschiedene Weisen gemäß den verschiedenen Formen der Gemeinschaft. Daher wird in der austeilenden Gerechtigkeit die Mitte nicht gemäß der Gleichheit zwischen Sache und Sache betrachtet, sondern gemäß der Proportion zwischen Sachen und Personen: dergestalt, dass so wie eine Person eine andere übertrifft, auch das, was der einen Person gegeben wird, jenes übertrifft, was der anderen zugeteilt wird. Daher sagt der Philosoph (Ethic. v, 3, 4), dass die Mitte im letzteren Fall der „geometrischen Proportion“ folgt, worin die Gleichheit nicht von der Quantität, sondern von der Proportion abhängt. Zum Beispiel sagen wir, dass 6 sich zu 4 verhält wie 3 zu 2, weil in beiden Fällen die Proportion 1½ beträgt; da die größere Zahl die Summe der kleineren plus ihrer Hälfte ist: wohingegen die Gleichheit des Überschusses keine der Quantität ist, weil 6 die 4 um 2 übertrifft, während 3 die 2 um 1 übertrifft.
Andererseits wird bei Austauschhandlungen einem Individuum etwas gezahlt aufgrund von etwas dem Seinigen, das empfangen wurde, wie es vornehmlich beim Kaufen und Verkaufen zu sehen ist, wo der Begriff des Austausches primär zu finden ist. Daher ist es notwendig, Sache mit Sache anzugleichen, so dass die eine Person der anderen genau so viel zurückzahlen sollte, wie sie aus dem, was der anderen gehörte, reicher geworden ist. Das Ergebnis davon wird eine Gleichheit gemäß der „arithmetischen Mitte“ sein, die nach dem gleichen Überschuss in der Quantität bemessen wird. So ist 5 die Mitte zwischen 6 und 4, da sie letztere um 1 übertrifft und von ersterer um 1 übertroffen wird. Wenn demnach zu Beginn beide Personen 5 haben und eine von ihnen 1 aus dem Besitz der anderen empfängt, wird derjenige, der der Empfänger ist, 6 haben, und dem anderen werden 4 verbleiben: Und so wird es Gerechtigkeit sein, wenn beide zur Mitte zurückgebracht werden, indem 1 von dem genommen wird, der 6 hat, und dem gegeben wird, der 4 hat, denn dann werden beide 5 haben, was die Mitte ist.
Antwort auf Einwand 1: In den anderen moralischen Tugenden ist der rationalen, nicht der sachlichen Mitte zu folgen; die Gerechtigkeit aber folgt der sachlichen Mitte; weshalb die Mitte in der Gerechtigkeit von der Verschiedenheit der Dinge abhängt.
Antwort auf Einwand 2: Gleichheit ist die allgemeine Form der Gerechtigkeit, worin austeilende und ausgleichende Gerechtigkeit übereinstimmen: aber in der einen finden wir die Gleichheit der geometrischen Proportion, während wir in der anderen die Gleichheit der arithmetischen Proportion finden.
Antwort auf Einwand 3: Bei Handlungen und beim Erleiden beeinflusst der Stand einer Person die Quantität einer Sache: denn es ist eine größere Verletzung, einen Fürsten zu schlagen als eine Privatperson. Daher wird in der austeilenden Gerechtigkeit der Stand einer Person an sich betrachtet, wohingegen er in der ausgleichenden Gerechtigkeit insofern betrachtet wird, als er eine Verschiedenheit der Dinge verursacht.