II-II, q. 52 a. 3
Ob die Gabe des Rates im Himmel bleibt?
Quaestio 52 · Von der Gabe des Rates
Einwand 1: Es scheint, dass die Gabe des Rates nicht im Himmel bleibt. Denn der Rat bezieht sich auf das, was um eines Zieles willen getan werden muss. Im Himmel aber wird nichts um eines Zieles willen getan werden müssen, da der Mensch dort das letzte Ziel besitzt. Deshalb ist die Gabe des Rates nicht im Himmel.
Einwand 2: Ferner impliziert Rat einen Zweifel, denn es ist absurd, in Dingen Rat zu pflegen, die offensichtlich sind, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. iii, 3). Nun wird im Himmel jeder Zweifel aufhören. Deshalb gibt es keinen Rat im Himmel.
Einwand 3: Ferner sind die Heiligen im Himmel Gott am meisten gleichförmig, gemäß 1 Joh 3,2: „Wenn er erscheinen wird, werden wir ihm gleich sein.“ Aber Rat ziemt Gott nicht, gemäß Röm 11,34: „Wer ist sein Ratgeber gewesen?“ Deshalb ziemt die Gabe des Rates auch den Heiligen im Himmel nicht.
Dagegen spricht, was Gregor sagt (Moral. xvii, 12): „Wenn entweder die Schuld oder die Gerechtigkeit einer jeden Nation in die Debatte des himmlischen Hofes gebracht wird, sagt man, der Wächter jener Nation habe in dem Konflikt gesiegt oder nicht gesiegt.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2]; FS, Quaestio [68], Artikel [1]), die Gaben des Heiligen Geistes mit der Bewegung der vernunftbegabten Kreatur durch Gott verbunden sind. Nun müssen wir zwei Punkte bezüglich der Bewegung des menschlichen Geistes durch Gott beachten. Erstens, dass die Disposition dessen, was bewegt wird, verschieden ist, während es bewegt wird, von seiner Disposition, wenn es am Ziel der Bewegung ist. Wenn nämlich der Beweger nur das Prinzip der Bewegung ist, hört die Einwirkung des Bewegers auf das bewegte Ding auf, wenn die Bewegung aufhört, da es das Ziel der Bewegung bereits erreicht hat; so wie ein Haus, nachdem es gebaut ist, aufhört, vom Baumeister gebaut zu werden. Wenn andererseits der Beweger nicht nur Ursache der Bewegung ist, sondern auch der Form, zu welcher die Bewegung tendiert, dann hört die Einwirkung des Bewegers auch nach Erlangung der Form nicht auf: so erleuchtet die Sonne die Luft, auch nachdem sie erleuchtet ist. Auf diese Weise also verursacht Gott in uns Tugend und Wissen, nicht nur, wenn wir sie zuerst erwerben, sondern auch solange wir in ihnen verharren: und so verursacht Gott in den Seligen das Wissen dessen, was zu tun ist, nicht als ob sie unwissend wären, sondern indem er jenes Wissen in ihnen fortsetzt.
Dennoch gibt es Dinge, welche die Seligen, seien es Engel oder Menschen, nicht wissen: solche Dinge sind nicht wesentlich für die Seligkeit, sondern betreffen die Regierung der Dinge gemäß der göttlichen Vorsehung. Bezüglich dieser müssen wir eine weitere Beobachtung machen, nämlich dass Gott den Geist der Seligen auf eine Weise bewegt und den Geist des Pilgers (viator) auf eine andere. Denn Gott bewegt den Geist des Pilgers in Handlungsdingen, indem er die vorher bestehende Angst des Zweifels lindert; wohingegen im Geist der Seligen einfaches Nichtwissen (nescientia) herrscht bezüglich der Dinge, die sie nicht wissen. Von diesem Nichtwissen wird der Geist des Engels gereinigt, gemäß Dionysius (Coel. Hier. vii), noch geht bei ihnen irgendeine Nachforschung des Zweifels voraus, denn sie wenden sich einfach Gott zu; und dies heißt, bei Gott Rat zu holen, denn wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. v, 19): „Die Engel holen bei Gott Rat über die Dinge unter ihnen“; weshalb die Unterweisung, die sie von Gott in solchen Dingen empfangen, „Rat“ genannt wird.
Demgemäß ist die Gabe des Rates in den Seligen, insofern Gott in ihnen das Wissen bewahrt, das sie haben, und sie in ihrem Nichtwissen darüber erleuchtet, was getan werden muss.
Antwort auf Einwand 1: Auch bei den Seligen gibt es Akte, die auf ein Ziel gerichtet sind oder gleichsam aus ihrer Erlangung des Zieles resultieren, wie die Akte des Lobpreises Gottes oder der Hilfe für andere zum Ziel, das sie selbst erreicht haben, zum Beispiel die Dienste der Engel und die Gebete der Heiligen. In dieser Hinsicht findet die Gabe des Rates einen Platz in ihnen.
Antwort auf Einwand 2: Zweifel gehört zum Rat gemäß dem gegenwärtigen Lebenszustand, aber nicht zu jenem Rat, der im Himmel stattfindet. Ebenso haben auch die theologischen Tugenden im Himmel nicht ganz dieselben Akte wie auf dem Weg dorthin.
Antwort auf Einwand 3: Rat ist in Gott nicht als empfangend, sondern als gebend: und die Heiligen im Himmel sind Gott gleichförmig wie Empfänger der Quelle, von der sie empfangen.