II-II, q. 52 a. 4
Ob die fünfte Seligpreisung, nämlich die der Barmherzigkeit, der Gabe des Rates entspricht?
Quaestio 52 · Von der Gabe des Rates
Einwand 1: Es scheint, dass die fünfte Seligpreisung, nämlich die der Barmherzigkeit, nicht der Gabe des Rates entspricht. Denn alle Seligpreisungen sind Akte der Tugend, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [69], Artikel [1]). Nun werden wir in allen Akten der Tugend durch den Rat geleitet. Deshalb entspricht die fünfte Seligpreisung nicht mehr als jede andere dem Rat.
Einwand 2: Ferner werden Gebote über heilsnotwendige Dinge gegeben, während Rat über Dinge gegeben wird, die nicht heilsnotwendig sind. Nun ist Barmherzigkeit heilsnotwendig, gemäß Jakobus 2,13: „Gericht ohne Barmherzigkeit über den, der nicht Barmherzigkeit getan hat.“ Andererseits ist Armut nicht heilsnotwendig, sondern gehört zum Leben der Vollkommenheit, gemäß Mt 19,21. Deshalb entspricht die Seligpreisung der Armut eher der Gabe des Rates als die Seligpreisung der Barmherzigkeit.
Einwand 3: Ferner resultieren die Früchte aus den Seligpreisungen, denn sie bezeichnen eine gewisse geistliche Wonne, die aus vollkommenen Akten der Tugend resultiert. Nun entspricht keine der Früchte der Gabe des Rates, wie aus Gal 5,22.23 hervorgeht. Deshalb entspricht auch die Seligpreisung der Barmherzigkeit nicht der Gabe des Rates.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Serm. Dom. iv): „Der Rat ziemt den Barmherzigen, weil das eine Heilmittel ist, von so großen Übeln befreit zu werden, zu verzeihen und zu geben.“
Ich antworte darauf, dass der Rat eigentlich Dinge betrifft, die nützlich für ein Ziel sind. Daher sollten solche Dinge, die für ein Ziel am nützlichsten sind, vor allem der Gabe des Rates entsprechen. Nun ist dies die Barmherzigkeit, gemäß 1 Tim 4,8: „Die Frömmigkeit [Pietas, was hier Barmherzigkeit bedeutet] ist zu allen Dingen nützlich.“ Deshalb entspricht die Seligpreisung der Barmherzigkeit speziell der Gabe des Rates, nicht als die Barmherzigkeit hervorrufend, sondern als sie leitend.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl der Rat in allen Akten der Tugend leitet, tut er dies in besonderer Weise in den Werken der Barmherzigkeit, aus dem oben genannten Grund.
Antwort auf Einwand 2: Der Rat, betrachtet als Gabe des Heiligen Geistes, führt uns in allen Dingen, die auf das Ziel des ewigen Lebens gerichtet sind, seien sie heilsnotwendig oder nicht, und doch ist nicht jedes Werk der Barmherzigkeit heilsnotwendig.
Antwort auf Einwand 3: Frucht bezeichnet etwas Letztes. Nun besteht das Letzte in praktischen Dingen nicht im Wissen, sondern in einer Handlung, welche das Ziel ist. Daher wird nichts, was zum praktischen Wissen gehört, unter die Früchte gezählt, sondern nur solche Dinge, die zur Handlung gehören, in welcher das praktische Wissen der Führer ist. Unter diesen finden wir „Güte“ und „Freundlichkeit“, welche der Barmherzigkeit entsprechen.