II-II, q. 52 a. 2
Ob die Gabe des Rates der Tugend der Klugheit entspricht?
Quaestio 52 · Von der Gabe des Rates
Einwand 1: Es scheint, dass die Gabe des Rates der Tugend der Klugheit nicht passend entspricht. Denn „das Höchste des Unteren berührt das, was darüber ist“, wie Dionysius bemerkt (Div. Nom. vii), so wie der Mensch den Engel berührt hinsichtlich seines Intellekts. Nun sind die Kardinaltugenden geringer als die Gaben, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [68], Artikel [8]). Da also der Rat der erste und unterste Akt der Klugheit ist, der Befehl aber ihr höchster Akt, und das Urteil dazwischen liegt, scheint es, dass die der Klugheit entsprechende Gabe nicht der Rat ist, sondern eher eine Gabe des Urteils oder des Befehls.
Einwand 2: Ferner genügt eine Gabe, um einer Tugend zu helfen, da ein Ding, je höher es ist, desto mehr eins ist, wie im Buch De Causis bewiesen wird. Nun wird der Klugheit durch die Gabe der Wissenschaft geholfen, welche nicht nur spekulativ, sondern auch praktisch ist, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [9], Artikel [3]). Deshalb entspricht die Gabe des Rates nicht der Tugend der Klugheit.
Einwand 3: Ferner kommt es der Klugheit eigentlich zu, zu leiten, wie oben dargelegt (Quaestio [47], Artikel [8]). Aber zur Gabe des Rates gehört es, dass der Mensch von Gott geleitet wird, wie oben gesagt (Artikel [1]). Deshalb entspricht die Gabe des Rates nicht der Tugend der Klugheit.
Dagegen spricht, dass die Gabe des Rates sich auf das bezieht, was um des Zieles willen getan werden muss. Nun bezieht sich die Klugheit auf denselben Gegenstand. Deshalb entsprechen sie einander.
Ich antworte darauf, dass ein niedrigeres Bewegungsprinzip hauptsächlich dadurch unterstützt und vervollkommnet wird, dass es von einem höheren Bewegungsprinzip bewegt wird, wie ein Körper dadurch, dass er von einem Geist bewegt wird. Nun ist es offensichtlich, dass die Richtigkeit der menschlichen Vernunft sich zur göttlichen Vernunft verhält wie ein niedrigeres Bewegungsprinzip zu einem höheren: denn die ewige Vernunft ist die oberste Regel aller menschlichen Richtigkeit. Folglich wird die Klugheit, welche die Richtigkeit der Vernunft bezeichnet, hauptsächlich dadurch vervollkommnet und unterstützt, dass sie vom Heiligen Geist regiert und bewegt wird, und dies gehört zur Gabe des Rates, wie oben gesagt (Artikel [1]). Deshalb entspricht die Gabe des Rates der Klugheit, indem sie ihr hilft und sie vervollkommnet.
Antwort auf Einwand 1: Zu urteilen und zu befehlen kommt nicht dem Bewegten zu, sondern dem Beweger. Da also bei den Gaben des Heiligen Geistes die Position des menschlichen Geistes eher die eines Bewegten als die eines Bewegers ist, wie oben dargelegt (Artikel [1]; FS, Quaestio [68], Artikel [1]), folgt daraus, dass es unpassend wäre, die der Klugheit entsprechende Gabe mit dem Namen des Befehls oder des Urteils zu bezeichnen, statt mit dem des Rates, wodurch bezeichnet werden kann, dass der beratene Geist von einem anderen, der ihn berät, bewegt wird.
Antwort auf Einwand 2: Die Gabe der Wissenschaft entspricht der Klugheit nicht direkt, da sie sich mit spekulativen Dingen befasst; doch durch eine gewisse Erweiterung hilft sie ihr. Andererseits entspricht die Gabe des Rates der Klugheit direkt, weil sie sich mit denselben Dingen befasst.
Antwort auf Einwand 3: Der Beweger, der bewegt wird, bewegt dadurch, dass er bewegt wird. Daher wird der menschliche Geist, gerade durch die Tatsache, dass er vom Heiligen Geist geleitet wird, befähigt, sich selbst und andere zu leiten.