II-II, q. 51 a. 4
Ob die Gnome (Scharfsinnigkeit) eine besondere Tugend ist?
Quaestio 51 · Von den mit der Klugheit verbundenen Tugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnome (Scharfsinnigkeit) keine besondere, von der Synesis (Verständigkeit) verschiedene Tugend ist. Denn von einem Menschen wird in Bezug auf die Synesis (Verständigkeit) gesagt, er habe ein gutes Urteil. Nun kann von keinem Menschen gesagt werden, er habe ein gutes Urteil, wenn er nicht in allen Dingen recht urteilt. Also erstreckt sich die Synesis (Verständigkeit) auf alle Gegenstände des Urteils, und folglich gibt es keine andere Tugend des guten Urteils, die Gnome (Scharfsinnigkeit) genannt wird.
Einwand 2: Ferner steht das Urteil in der Mitte zwischen Rat und Befehl. Nun gibt es nur eine Tugend des guten Rates, nämlich die Eubulia (Wohlberatenheit), und nur eine Tugend des guten Befehls, nämlich die Klugheit. Also gibt es nur eine Tugend des guten Urteils, nämlich die Synesis (Verständigkeit).
Einwand 3: Ferner scheinen seltene Vorkommnisse, bei denen die Notwendigkeit besteht, vom allgemeinen Gesetz abzuweichen, meistenteils durch Zufall zu geschehen, und mit solchen Dingen befasst sich die Vernunft nicht, wie in Phys. ii, 5 dargelegt wird. Nun hängen alle intellektuellen Tugenden von der rechten Vernunft ab. Also gibt es keine intellektuelle Tugend über solche Angelegenheiten.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. vi, 11) schließt, die Gnome (Scharfsinnigkeit) sei eine besondere Tugend.
Ich antworte darauf, dass sich erkennende Habitus gemäß höheren und niedrigeren Prinzipien unterscheiden: so betrachtet in spekulativen Dingen die Weisheit höhere Prinzipien als die Wissenschaft, und folglich wird sie von ihr unterschieden; und so muss es auch in praktischen Dingen sein. Nun ist es offensichtlich, dass das, was außerhalb der Ordnung eines niedrigeren Prinzips oder einer niedrigeren Ursache liegt, manchmal auf die Ordnung eines höheren Prinzips zurückführbar ist; so liegen monströse Geburten von Tieren außerhalb der Ordnung der aktiven Samenkarft, und doch fallen sie unter die Ordnung eines höheren Prinzips, nämlich eines Himmelskörpers, oder noch höher, der göttlichen Vorsehung. Daher könnte man durch Betrachtung der aktiven Samenkarft kein sicheres Urteil über solche Monstrositäten fällen, und doch ist dies möglich, wenn wir die göttliche Vorsehung betrachten.
Nun geschieht es manchmal, dass etwas getan werden muss, das nicht durch die allgemeinen Regeln des Handelns abgedeckt ist, zum Beispiel im Falle des Feindes des Vaterlandes, wenn es falsch wäre, ihm sein Depositum zurückzugeben, oder in anderen ähnlichen Fällen. Daher ist es notwendig, über solche Angelegenheiten gemäß höheren Prinzipien zu urteilen als den allgemeinen Gesetzen, nach denen die Synesis (Verständigkeit) urteilt: und entsprechend solchen höheren Prinzipien ist es notwendig, eine höhere Tugend des Urteils zu haben, die Gnome (Scharfsinnigkeit) genannt wird und die eine gewisse Unterscheidungskraft im Urteil bezeichnet.
Antwort auf Einwand 1: Die Synesis (Verständigkeit) urteilt recht über alle Handlungen, die durch die allgemeinen Regeln abgedeckt sind: aber gewisse Dinge müssen außerhalb dieser allgemeinen Regeln beurteilt werden, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Das Urteil über ein Ding sollte aus dessen eigenen Prinzipien gebildet werden, wohingegen die Nachforschung auch unter Verwendung allgemeiner Prinzipien erfolgt. Weshalb auch in spekulativen Dingen die Dialektik, die auf Nachforschung abzielt, von allgemeinen Prinzipien ausgeht; während die Demonstration, die zum Urteil tendiert, von eigenen Prinzipien ausgeht. Daher ist die Eubulia (Wohlberatenheit), zu welcher die Nachforschung des Rates gehört, eine einzige für alle, aber nicht so die Synesis (Verständigkeit), deren Akt richterlich ist. Der Befehl betrachtet in allen Angelegenheiten den einen Aspekt des Guten, weshalb auch die Klugheit nur eine einzige ist.
Antwort auf Einwand 3: Es kommt allein der göttlichen Vorsehung zu, alle Dinge zu betrachten, die außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs geschehen können. Andererseits kann unter den Menschen derjenige, der am scharfsinnigsten ist, eine größere Anzahl solcher Dinge durch seine Vernunft beurteilen: dies gehört zur Gnome (Scharfsinnigkeit), die eine gewisse Unterscheidungskraft im Urteil bezeichnet.