II-II, q. 5 a. 3
Ob ein Mensch, der einen Glaubensartikel nicht glaubt, toten Glauben hinsichtlich der anderen Artikel haben kann?
Quaestio 5 · Von denen, die den Glauben haben
1. Einwand: Es scheint, dass ein Häretiker, der einen Glaubensartikel nicht glaubt, toten Glauben hinsichtlich der anderen Artikel haben kann. Denn der natürliche Intellekt eines Häretikers ist nicht fähiger als der eines Katholiken. Nun bedarf der Intellekt eines Katholiken der Hilfe der Gabe des Glaubens, um irgendeinen Glaubensartikel zu glauben. Daher scheint es, dass Häretiker keine Glaubensartikel ohne die Gabe des toten Glaubens glauben können.
2. Einwand: Ferner, so wie der Glaube viele Artikel enthält, so enthält eine Wissenschaft, nämlich die Geometrie, viele Schlussfolgerungen. Nun kann ein Mensch die Wissenschaft der Geometrie hinsichtlich einiger geometrischer Schlussfolgerungen besitzen und doch andere Schlussfolgerungen nicht kennen. Daher kann ein Mensch einige Glaubensartikel glauben, ohne die anderen zu glauben.
3. Einwand: Ferner, so wie der Mensch Gott gehorcht, indem er die Glaubensartikel glaubt, so tut er es auch, indem er die Gebote des Gesetzes hält. Nun kann ein Mensch einigen Geboten gehorchen und anderen nicht gehorchen. Daher kann er einige Artikel glauben und andere nicht glauben.
Dagegen spricht: So wie die Todsünde der Liebe entgegengesetzt ist, so ist der Unglaube in einem Glaubensartikel dem Glauben entgegengesetzt. Nun bleibt die Liebe nicht in einem Menschen nach einer einzigen Todsünde. Daher bleibt auch der Glaube nicht, nachdem ein Mensch einen einzigen Artikel nicht glaubt.
Ich antworte darauf, Weder lebendiger noch toter Glaube bleibt in einem Häretiker, der einen einzigen Glaubensartikel nicht glaubt.
Der Grund dafür ist, dass die Spezies eines jeden Habitus von der formalen Rücksicht des Objekts abhängt, ohne die die Spezies des Habitus nicht bestehen kann. Nun ist das Formalobjekt des Glaubens die Erste Wahrheit, wie sie in der Heiligen Schrift und der Lehre der Kirche offenbart ist, welche aus der Ersten Wahrheit hervorgeht. Folglich hat jeder, der nicht der Lehre der Kirche als einer untrüglichen und göttlichen Regel anhängt, die aus der in der Heiligen Schrift offenbarten Ersten Wahrheit hervorgeht, nicht den Habitus des Glaubens, sondern hält das, was des Glaubens ist, auf andere Weise als durch den Glauben. Ebenso ist es offensichtlich, dass ein Mensch, dessen Geist eine Schlussfolgerung festhält, ohne zu wissen, wie sie bewiesen wird, kein wissenschaftliches Wissen, sondern bloß eine Meinung darüber hat. Nun ist es offenkundig, dass derjenige, der der Lehre der Kirche als einer untrüglichen Regel anhängt, allem zustimmt, was die Kirche lehrt; andernfalls, wenn er von den Dingen, die von der Kirche gelehrt werden, festhält, was er will, und verwirft, was er will, hängt er nicht mehr der Lehre der Kirche als einer untrüglichen Regel an, sondern seinem eigenen Willen. Daher ist es offensichtlich, dass ein Häretiker, der hartnäckig einen Glaubensartikel nicht glaubt, nicht bereit ist, der Lehre der Kirche in allen Dingen zu folgen; wenn er aber nicht hartnäckig ist, befindet er sich nicht mehr in Häresie, sondern nur im Irrtum. Daher ist es klar, dass ein solcher Häretiker hinsichtlich eines Artikels keinen Glauben an die anderen Artikel hat, sondern nur eine Art Meinung in Übereinstimmung mit seinem eigenen Willen.
Antwort auf den 1. Einwand: Ein Häretiker hält die anderen Glaubensartikel, über die er nicht irrt, nicht auf dieselbe Weise fest wie einer der Gläubigen, nämlich indem er einfach der göttlichen Wahrheit anhängt, denn um dies zu tun, bedarf ein Mensch der Hilfe des Glaubenshabitus; sondern er hält die Dinge, die des Glaubens sind, durch seinen eigenen Willen und sein eigenes Urteil fest.
Antwort auf den 2. Einwand: Die verschiedenen Schlussfolgerungen einer Wissenschaft haben ihre jeweiligen Beweismittel, von denen eines ohne das andere gewusst werden kann, so dass wir einige Schlussfolgerungen einer Wissenschaft wissen können, ohne die anderen zu wissen. Andererseits hängt der Glaube allen Glaubensartikeln aufgrund eines einzigen Mittels an, nämlich aufgrund der Ersten Wahrheit, die uns in den Schriften vorgelegt wird, gemäß der Lehre der Kirche, die das rechte Verständnis derselben hat. Wer daher dieses Mittel aufgibt, dem fehlt der Glaube gänzlich.
Antwort auf den 3. Einwand: Die verschiedenen Vorschriften des Gesetzes können entweder auf ihre jeweiligen nächsten Motive bezogen werden, und so kann eines ohne das andere gehalten werden; oder auf ihr primäres Motiv, welches der vollkommene Gehorsam gegenüber Gott ist, in dem ein Mensch versagt, wann immer er ein Gebot bricht, gemäß Jak 2,10: „Wer ... an einem einzigen Punkt straffällig wird, der ist am ganzen Gesetz schuldig geworden.“