II-II, q. 39 a. 2
Ob das Schisma eine schwerere Sünde ist als der Unglaube?
Quaestio 39 · Vom Schisma
Einwand 1: Es scheint, dass das Schisma eine schwerere Sünde ist als der Unglaube. Denn die schwerere Sünde zieht eine schwerere Strafe nach sich, gemäß Dtn 25,2: „Gemäß dem Maß der Sünde soll auch das Maß der Schläge sein.“ Nun finden wir, dass die Sünde des Schismas strenger bestraft wird als sogar die Sünde des Unglaubens oder der Götzendiener: denn wir lesen (Ex 32,28), dass einige wegen Götzendienstes durch die Schwerter ihrer Mitmenschen getötet wurden: wohingegen wir von der Sünde des Schismas lesen (Num 16,30): „Wenn aber der Herr etwas Neues schafft und die Erde ihren Mund auftut und sie verschlingt mit allem, was ihnen gehört, und sie lebendig in die Hölle hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass diese Menschen den Herrn Gott gelästert haben.“ Zudem wurden die zehn Stämme, die sich des Schismas schuldig machten, indem sie sich von der Herrschaft Davids abwandten, auf das Strengste bestraft (4 Kön 17). Also ist die Sünde des Schismas schwerer als die Sünde des Unglaubens.
Einwand 2: Ferner ist „das Gut der Vielheit größer und göttlicher als das Gut des Einzelnen“, wie der Philosoph feststellt (Ethic. i, 2). Nun ist das Schisma dem Gut der Vielheit entgegengesetzt, nämlich der kirchlichen Einheit, wohingegen der Unglaube dem partikularen Gut eines Menschen entgegengesetzt ist, nämlich dem Glauben eines Einzelnen. Daher scheint es, dass das Schisma eine schwerere Sünde ist als der Unglaube.
Einwand 3: Ferner steht ein größeres Gut einem größeren Übel gegenüber, gemäß dem Philosophen (Ethic. viii, 10). Nun ist das Schisma der Liebe entgegengesetzt, welche eine größere Tugend ist als der Glaube, dem der Unglaube entgegengesetzt ist, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [10], Artikel [2]; Quaestio [23], Artikel [6]). Also ist das Schisma eine schwerere Sünde als der Unglaube.
Dagegen spricht, dass das, was aus einer Hinzufügung zu etwas anderem resultiert, jenes Ding entweder im Guten oder im Bösen übertrifft. Nun resultiert die Häresie daraus, dass dem Schisma etwas hinzugefügt wird, denn sie fügt verdorbene Lehre hinzu, wie Hieronymus in der oben zitierten Passage erklärt (Artikel [1], ad 3). Also ist das Schisma eine weniger schwere Sünde als der Unglaube.
Ich antworte darauf, dass die Schwere einer Sünde auf zwei Arten betrachtet werden kann: erstens gemäß der Spezies dieser Sünde, zweitens gemäß ihren Umständen. Und da die besonderen Umstände unendlich an der Zahl sind, so können sie auch auf unendlich viele Arten variiert werden: weshalb, wenn jemand allgemein fragen würde, welche von zwei Sünden die schwerere sei, die Frage so verstanden werden muss, dass sie sich auf die Schwere bezieht, die sich aus der Gattung der Sünde ableitet. Nun wird die Gattung oder Spezies einer Sünde von ihrem Objekt hergenommen, wie oben gezeigt wurde (FS, Quaestio [72], Artikel [1]; FS, Quaestio [73], Artikel [3]). Daher ist die Sünde, die dem größeren Gut entgegengesetzt ist, hinsichtlich ihrer Gattung schwerwiegender, zum Beispiel ist eine gegen Gott begangene Sünde schwerer als eine gegen den Nächsten begangene Sünde.
Nun ist es offensichtlich, dass der Unglaube eine gegen Gott selbst begangene Sünde ist, insofern Er selbst die Erste Wahrheit ist, auf der der Glaube gründet; wohingegen das Schisma der kirchlichen Einheit entgegengesetzt ist, welche ein teilhabendes Gut ist und ein geringeres Gut als Gott selbst. Daher ist es offenkundig, dass die Sünde des Unglaubens der Gattung nach schwerwiegender ist als die Sünde des Schismas, obwohl es geschehen kann, dass ein bestimmter Schismatiker schwerer sündigt als ein bestimmter Ungläubiger, entweder weil seine Verachtung größer ist oder weil seine Sünde eine Quelle größerer Gefahr ist oder aus einem ähnlichen Grund.
Antwort auf Einwand 1: Jenem Volk war durch das Gesetz, das sie empfangen hatten, bereits erklärt worden, dass es einen Gott gibt und dass kein anderer Gott von ihnen angebetet werden dürfe; und dasselbe war unter ihnen durch viele Arten von Zeichen bestätigt worden. Folglich war es nicht notwendig, dass jene, die gegen diesen Glauben sündigten, indem sie in Götzendienst fielen, auf ungewohnte Weise bestraft wurden: es genügte, dass sie auf die übliche Weise bestraft wurden. Andererseits war es unter ihnen nicht so wohlbekannt, dass Mose immer ihr Herrscher sein sollte, und so geziemte es sich, dass jene, die gegen seine Autorität rebellierten, auf eine wunderbare und ungewohnte Weise bestraft wurden.
Wir können auch antworten, indem wir sagen, dass die Sünde des Schismas in jenem Volk manchmal strenger bestraft wurde, weil sie zu Aufruhr und Spaltungen neigten. Denn es steht geschrieben (1 Esra 4,15): „Diese Stadt hat sich seit alten Tagen gegen ihre Könige empört: und Aufruhr und Kriege wurden darin angezettelt.“ Nun wird manchmal eine strengere Strafe für eine gewohnheitsmäßige Sünde verhängt (wie oben festgestellt, FS, Quaestio [105], Artikel [2], ad 9), weil Strafen Heilmittel sind, die dazu bestimmt sind, den Menschen von der Sünde fernzuhalten: so dass dort, wo eine größere Neigung zur Sünde besteht, eine strengere Strafe verhängt werden sollte. Was die zehn Stämme betrifft, so wurden sie nicht nur für die Sünde des Schismas bestraft, sondern auch für die des Götzendienstes, wie in der zitierten Passage angegeben.
Antwort auf Einwand 2: So wie das Gut der Vielheit größer ist als das Gut einer Einheit in dieser Vielheit, so ist es geringer als das außenstehende Gut, auf das diese Vielheit ausgerichtet ist, so wie das Gut eines Ranges in der Armee geringer ist als das Gut des Oberbefehlshabers. In gleicher Weise ist das Gut der kirchlichen Einheit, dem das Schisma entgegengesetzt ist, geringer als das Gut der göttlichen Wahrheit, der der Unglaube entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe hat zwei Objekte; eines ist ihr Hauptobjekt und ist die göttliche Güte, das andere ist ihr sekundäres Objekt und ist das Wohl unseres Nächsten. Nun sind das Schisma und andere Sünden gegen unseren Nächsten der Liebe hinsichtlich ihres sekundären Gutes entgegengesetzt, welches geringer ist als das Objekt des Glaubens, denn dies ist Gott selbst; und so sind diese Sünden weniger schwerwiegend als der Unglaube. Andererseits ist der Hass gegen Gott, der der Liebe hinsichtlich ihres Hauptobjekts entgegengesetzt ist, nicht weniger schwerwiegend als der Unglaube. Dennoch scheint von allen Sünden, die der Mensch gegen seinen Nächsten begeht, die Sünde des Schismas die größte zu sein, weil sie dem geistlichen Gut der Vielheit entgegengesetzt ist.