II-II, q. 39 a. 1
Ob das Schisma eine besondere Sünde ist?
Quaestio 39 · Vom Schisma
Einwand 1: Es scheint, dass das Schisma keine besondere Sünde ist. Denn „Schisma“, so sagt Papst Pelagius I. (Epist. ad Victor. et Pancrat.), „bedeutet Spaltung“. Aber jede Sünde verursacht eine Spaltung, gemäß Jes 59,2: „Eure Sünden haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und eurem Gott.“ Also ist das Schisma keine besondere Sünde.
Einwand 2: Ferner ist ein Mensch anscheinend ein Schismatiker, wenn er der Kirche nicht gehorcht. Aber jede Sünde bringt den Menschen dazu, den Geboten der Kirche nicht zu gehorchen, weil die Sünde nach Ambrosius (De Parad. viii) „Ungehorsam gegen die himmlischen Gebote ist“. Also ist jede Sünde ein Schisma.
Einwand 3: Ferner trennt auch die Häresie den Menschen von der Einheit des Glaubens. Wenn also das Wort Schisma eine Spaltung bezeichnet, scheint es sich als besondere Sünde nicht von der Sünde des Unglaubens zu unterscheiden.
Dagegen spricht, dass Augustinus (Contra Faust. xx, 3; Contra Crescon. ii, 4) zwischen Schisma und Häresie unterscheidet, denn er sagt, ein „Schismatiker ist einer, der denselben Glauben hält und denselben Gottesdienst praktiziert wie die anderen und nur an der bloßen Spaltung der Gemeinschaft Gefallen findet, wohingegen ein Häretiker einer ist, der einen anderen Glauben hat als den der katholischen Kirche.“ Also ist das Schisma keine allgemeine Sünde.
Ich antworte darauf, dass, wie Isidor sagt (Etym. viii, 3), das Schisma seinen Namen „vom Zerspalten der Gemüter“ hat, und die Spaltung ist der Einheit entgegengesetzt. Daher ist die Sünde des Schismas eine solche, die direkt und wesentlich der Einheit entgegengesetzt ist. Denn in der moralischen Ordnung, wie auch in der physischen, wird die Spezies nicht durch das konstituiert, was akzidentell ist. In der moralischen Ordnung nun ist das wesentlich, was beabsichtigt ist, und das, was außerhalb der Absicht erfolgt, ist gleichsam akzidentell. Daher ist die Sünde des Schismas im eigentlichen Sinne eine besondere Sünde, aus dem Grund, dass der Schismatiker beabsichtigt, sich von jener Einheit zu trennen, die die Wirkung der Liebe ist: denn die Liebe vereint nicht nur eine Person mit einer anderen durch das Band der geistlichen Liebe, sondern auch die ganze Kirche in der Einheit des Geistes.
Demnach sind Schismatiker im eigentlichen Sinne jene, die sich willentlich und absichtlich von der Einheit der Kirche trennen; denn dies ist die hauptsächliche Einheit, und die partikulare Einheit mehrerer Individuen untereinander ist der Einheit der Kirche untergeordnet, so wie die gegenseitige Anpassung jedes Gliedes eines natürlichen Körpers der Einheit des ganzen Körpers untergeordnet ist. Die Einheit der Kirche besteht nun in zwei Dingen; nämlich in der gegenseitigen Verbindung oder Gemeinschaft der Glieder der Kirche und wiederum in der Unterordnung aller Glieder der Kirche unter das eine Haupt, gemäß Kol 2,18.19: „Er ist aufgeblasen durch seinen fleischlichen Sinn und hält nicht fest am Haupt, von dem aus der ganze Leib durch Gelenke und Bänder versorgt und zusammengehalten wird und so wächst durch Gottes Wirken.“ Dieses Haupt nun ist Christus selbst, dessen Stellvertreter in der Kirche der Papst ist. Daher sind Schismatiker jene, die sich weigern, sich dem Papst zu unterwerfen und Gemeinschaft mit jenen Gliedern der Kirche zu halten, die seine Oberhoheit anerkennen.
Antwort auf Einwand 1: Die Trennung zwischen Mensch und Gott, die aus der Sünde resultiert, ist vom Sünder nicht beabsichtigt: sie geschieht außerhalb seiner Absicht als Folge seiner ungeordneten Hinwendung zu einem veränderlichen Gut, und so ist dies kein Schisma im eigentlichen Sinne.
Antwort auf Einwand 2: Das Wesen des Schismas besteht im rebellischen Ungehorsam gegen die Gebote: und ich sage „rebellisch“, da ein Schismatiker sowohl die Gebote der Kirche hartnäckig verachtet als auch sich weigert, sich ihrem Urteil zu unterwerfen. Aber nicht jeder Sünder tut dies, weshalb nicht jede Sünde ein Schisma ist.
Antwort auf Einwand 3: Häresie und Schisma unterscheiden sich hinsichtlich jener Dinge, denen jedes wesentlich und direkt entgegengesetzt ist. Denn die Häresie ist wesentlich dem Glauben entgegengesetzt, während das Schisma wesentlich der Einheit der kirchlichen Liebe entgegengesetzt ist. Daher sind, so wie Glaube und Liebe verschiedene Tugenden sind, obwohl jeder, dem der Glaube fehlt, auch der Liebe ermangelt, so auch Schisma und Häresie verschiedene Laster, obwohl jeder, der ein Häretiker ist, auch ein Schismatiker ist, aber nicht umgekehrt. Dies ist es, was Hieronymus in seinem Kommentar zum Brief an die Galater sagt [*In Ep. ad Tit. iii, 10]: „Ich betrachte den Unterschied zwischen Schisma und Häresie darin, dass die Häresie falsche Lehre vertritt, während das Schisma einen Menschen von der Kirche trennt.“ Dennoch, so wie der Verlust der Liebe der Weg zum Verlust des Glaubens ist, gemäß 1 Tim 1,6: „Davon“, d.h. von der Liebe und dergleichen, „sind einige abgeirrt und haben sich leerem Geschwätz zugewandt“, so ist auch das Schisma der Weg zur Häresie. Daher fügt Hieronymus hinzu (In Ep. ad Tit. iii, 10), dass „es am Anfang in gewisser Hinsicht möglich ist, einen Unterschied zwischen Schisma und Häresie zu finden: doch gibt es kein Schisma, das sich nicht irgendeine Häresie ausdenkt, damit es so scheint, als habe es einen Grund gehabt, sich von der Kirche zu trennen.“