II-II, q. 36 a. 4
Ist der Neid ein Hauptlaster?
Quaestio 36 · Vom Neid
Einwand 1: Es scheint, dass der Neid kein Hauptlaster ist. Denn die Hauptlaster sind von ihren Töchtern unterschieden. Nun ist der Neid die Tochter der Ruhmsucht (inanis gloria); denn der Philosoph sagt (Rhet. ii, 10), dass „jene, die Ehre und Ruhm lieben, neidischer sind.“ Daher ist der Neid kein Hauptlaster.
Einwand 2: Ferner scheinen die Hauptlaster weniger schwerwiegend zu sein als die anderen Laster, die aus ihnen entstehen. Denn Gregor sagt (Moral. xxxi, 45): „Die führenden Laster scheinen sich unter irgendeinem Vorwand in den getäuschten Geist einzuschleichen, aber jene, die ihnen folgen, reizen die Seele zu allen Arten von Gewalttat und verwirren den Geist mit ihrem wilden Geschrei.“ Nun ist der Neid scheinbar eine sehr schwere Sünde, denn Gregor sagt (Moral. v, 46): „Obwohl bei jedem bösen Ding, das getan wird, das Gift unseres alten Feindes in das Herz des Menschen eingegossen wird, so rührt die Schlange doch in dieser Bosheit ihre ganzen Eingeweide auf und speit das Verderben der Bosheit aus, damit es tief in den Geist eindringe.“ Daher ist der Neid keine Hauptsünde.
Einwand 3: Ferner scheint es, dass seine Töchter von Gregor (Moral. xxxi, 45) unpassend zugeordnet werden, der sagt, dass aus dem Neid „Hass, Ohrenbläserei, Verleumdung, Schadenfreude und Betrübnis über den Wohlstand des Nächsten“ entstehen. Denn Schadenfreude und Betrübnis über den Wohlstand des Nächsten scheinen dasselbe zu sein wie Neid, wie aus dem hervorgeht, was oben gesagt wurde (Artikel [3]). Daher sollten diese nicht als Töchter des Neides zugeordnet werden.
Dagegen spricht die Autorität Gregors (Moral. xxxi, 45), der feststellt, dass der Neid eine Hauptsünde ist und ihm die genannten Töchter zuordnet.
Ich antworte darauf, So wie die Trägheit (acedia) Trauer über ein göttliches geistliches Gut ist, so ist der Neid Trauer über das Gut unseres Nächsten. Nun wurde oben (Frage [35], Artikel [4]) dargelegt, dass die Trägheit deshalb ein Hauptlaster ist, weil sie den Menschen dazu antreibt, bestimmte Dinge zu tun, entweder mit dem Ziel, die Trauer zu vermeiden oder ihre Forderungen zu befriedigen. Aus demselben Grund wird der Neid als ein Hauptlaster gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Wie Gregor sagt (Moral. xxxi, 45): „Die Hauptlaster sind so eng miteinander verwandt, dass eines aus dem anderen entspringt. Denn der erste Sprössling des Stolzes ist die Ruhmsucht, die, indem sie den Geist verdirbt, den sie besetzt, den Neid zeugt; denn während sie nach der Macht eines leeren Namens verlangt, murrt sie aus Furcht, ein anderer könnte diese Macht erlangen.“ Folglich schließt der Begriff eines Hauptlasters nicht aus, dass es aus einem anderen Laster entspringt, sondern er verlangt, dass es einen Hauptgrund hat, selbst der Ursprung mehrerer Arten von Sünden zu sein. Vielleicht ist es jedoch deshalb, weil der Neid offensichtlich aus der Ruhmsucht entsteht, dass er weder von Isidor (De Summo Bono) noch von Cassian (De Instit. Caenob. v, 1) als Hauptsünde gerechnet wird.
Antwort auf Einwand 2: Aus der zitierten Stelle folgt nicht, dass der Neid die größte der Sünden ist, sondern dass, wenn der Teufel uns zum Neid versucht, er uns zu dem verleitet, was seinen Hauptplatz in seinem Herzen hat; denn wie weiter unten in derselben Stelle zitiert wird: „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2,24).
Es gibt jedoch eine Art von Neid, die zu den schwersten Sünden gezählt wird, nämlich der Neid auf das geistliche Gut eines anderen, welcher Neid eine Trauer über die Zunahme der Gnade Gottes ist und nicht bloß über das Gut unseres Nächsten. Daher wird er als eine Sünde gegen den Heiligen Geist gerechnet, weil ein Mensch dadurch gleichsam den Heiligen Geist selbst beneidet, der in seinen Werken verherrlicht wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Zahl der Töchter des Neides kann aus dem Grund verstanden werden, dass es in dem durch den Neid entfachten Kampf etwas als Anfang, etwas als Mitte und etwas als Endziel gibt. Der Anfang ist, dass ein Mensch danach strebt, den Ruf eines anderen herabzusetzen, und dies entweder heimlich, und dann haben wir „Ohrenbläserei“, oder offen, und dann haben wir „Verleumdung“. Die Mitte besteht in der Tatsache, dass, wenn ein Mensch darauf abzielt, einen anderen zu diffamieren, er entweder dazu in der Lage ist, und dann haben wir „Schadenfreude“ (Freude am Unglück des anderen), oder er ist unfähig, und dann haben wir „Betrübnis über den Wohlstand des anderen“. Das Endziel ist der Hass selbst, denn so wie das Gut, das erfreut, Liebe verursacht, so verursacht Trauer Hass, wie oben dargelegt (Frage [34], Artikel [6]). Betrübnis über den Wohlstand des anderen ist in einer Weise genau dasselbe wie Neid, wenn nämlich ein Mensch über den Wohlstand eines anderen trauert, insofern dieser jenem einen guten Namen gibt; aber in einer anderen Weise ist es eine Tochter des Neides, insofern der neidische Mensch seinen Nächsten trotz seiner Bemühungen, dies zu verhindern, gedeihen sieht. Andererseits ist „Schadenfreude“ nicht direkt dasselbe wie Neid, sondern ein Ergebnis davon, weil die Trauer über das Gut unseres Nächsten, welche der Neid ist, Freude an seinem Übel hervorruft.