II-II, q. 35 a. 2
Ob die Trägheit ein spezielles Laster ist?
Quaestio 35 · Von der Trägheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Trägheit kein spezielles Laster ist. Denn das, was allen Lastern gemeinsam ist, begründet keine spezielle Art von Laster. Aber jedes Laster macht einen Menschen traurig über das entgegengesetzte geistliche Gut: denn der Wollüstige ist traurig über das Gut der Enthaltsamkeit, und der Schlemmer über das Gut der Abstinenz. Da also die Trägheit Traurigkeit über das geistliche Gut ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), scheint es, dass die Trägheit keine spezielle Sünde ist.
Einwand 2: Ferner ist die Trägheit, da sie eine Art von Traurigkeit ist, der Freude entgegengesetzt. Nun wird die Freude nicht als eine spezielle Tugend angesehen. Also sollte die Trägheit nicht als ein spezielles Laster gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner, da das geistliche Gut eine allgemeine Art von Objekt ist, welches die Tugend sucht und das Laster meidet, begründet es keine spezielle Tugend oder kein spezielles Laster, es sei denn, es wird durch einen Zusatz bestimmt. Nun kann es scheinbar nichts außer der Mühsal zur Trägheit bestimmen, wenn diese ein spezielles Laster sein soll; denn der Grund, warum ein Mensch geistliche Güter meidet, ist, dass sie mühsam sind, weshalb die Trägheit eine Art Überdruss ist: Abneigung gegen Mühsal und Liebe zur körperlichen Ruhe scheinen aber auf dieselbe Ursache zurückzugehen, nämlich den Müßiggang. Daher wäre die Trägheit nichts anderes als Faulheit, was unwahr scheint, denn Müßiggang ist der Sorgfalt entgegengesetzt, wohingegen Trägheit der Freude entgegengesetzt ist. Also ist die Trägheit kein spezielles Laster.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxxi, 45) die Trägheit von den anderen Lastern unterscheidet. Also ist sie ein spezielles Laster.
Ich antworte darauf, Da die Trägheit Traurigkeit über das geistliche Gut ist, wäre die Trägheit, wenn wir das geistliche Gut in allgemeiner Weise nehmen, kein spezielles Laster, weil, wie oben gesagt (FS, Frage [71], Artikel [1]), jedes Laster das geistliche Gut seiner entgegengesetzten Tugend meidet. Auch kann nicht gesagt werden, dass die Trägheit insofern ein spezielles Laster ist, als sie das geistliche Gut als mühsam oder für den Körper beschwerlich oder als Hindernis für das Vergnügen des Körpers meidet, denn dies würde die Trägheit wiederum nicht von den fleischlichen Lastern trennen, durch die ein Mensch körperlichen Komfort und Vergnügen sucht.
Deshalb müssen wir sagen, dass eine gewisse Ordnung unter den geistlichen Gütern besteht, da alle geistlichen Güter, die in den Akten jeder Tugend liegen, auf ein einziges geistliches Gut hingeordnet sind, welches das göttliche Gut ist, worauf sich eine spezielle Tugend bezieht, nämlich die Liebe (Caritas). Daher ist es jeder Tugend eigen, sich an ihrem eigenen geistlichen Gut zu erfreuen, das in ihrem eigenen Akt besteht, während es speziell der Liebe zukommt, jene geistliche Freude zu haben, durch die man sich am göttlichen Gut erfreut. In gleicher Weise gehört die Traurigkeit, durch die man Missfallen am geistlichen Gut hat, das in jedem Akt der Tugend liegt, nicht zu einem speziellen Laster, sondern zu jedem Laster; aber die Traurigkeit über das göttliche Gut, worüber sich die Liebe freut, gehört zu einem speziellen Laster, welches Trägheit genannt wird. Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.