II-II, q. 35 a. 1
Ob die Trägheit (Acedia) Sünde ist?
Quaestio 35 · Von der Trägheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Trägheit keine Sünde ist. Denn für Leidenschaften werden wir weder gelobt noch getadelt, wie der Philosoph sagt (Ethic. ii, 5). Nun ist aber die Trägheit eine Leidenschaft, da sie eine Art von Traurigkeit ist, gemäß Damascenus (De Fide Orth. ii, 14) und wie wir oben dargelegt haben (FS, Frage [35], Artikel [8]). Also ist die Trägheit keine Sünde.
Einwand 2: Ferner ist kein körperliches Gebrechen, das zu festgesetzten Zeiten auftritt, eine Sünde. Die Trägheit ist aber von dieser Art, denn Cassianus sagt (De Instit. Monast. x): „Der Mönch wird von der Trägheit vornehmlich um die sechste Stunde angefochten: Sie ist wie ein Wechselfieber und befällt die Seele dessen, den sie niederwirft, in regelmäßigen und festen Abständen mit brennender Hitze.“ Also ist die Trägheit keine Sünde.
Einwand 3: Ferner ist das, was aus einer guten Wurzel hervorgeht, scheinbar keine Sünde. Die Trägheit aber geht aus einer guten Wurzel hervor, denn Cassianus sagt (De Instit. Monast. x), dass „die Trägheit aus der Tatsache entsteht, dass wir seufzen, weil wir der geistlichen Frucht beraubt sind, und denken, dass andere Klöster und jene, die weit entfernt sind, viel besser seien als das, in dem wir wohnen“: all dies scheint auf Demut hinzuweisen. Also ist die Trägheit keine Sünde.
Einwand 4: Ferner ist jede Sünde zu meiden, gemäß Sirach 21,2: „Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange.“ Nun sagt aber Cassianus (De Instit. Monast. x): „Die Erfahrung zeigt, dass dem Ansturm der Trägheit nicht durch Flucht ausgewichen, sondern durch Widerstand begegnet werden muss.“ Also ist die Trägheit keine Sünde.
Dagegen spricht, dass alles, was in der Heiligen Schrift verboten ist, Sünde ist. Dies gilt aber für die Trägheit [acedia]; denn es steht geschrieben (Sirach 6,26): „Beuge deine Schulter und trage sie“, nämlich die geistliche Weisheit, „und sei ihrer Fesseln nicht überdrüssig [acedieris].“ Also ist die Trägheit eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass die Trägheit gemäß Damascenus (De Fide Orth. ii, 14) eine niederdrückende Traurigkeit ist, die nämlich den Geist des Menschen so beschwert, dass er nichts zu tun vermag; so sind auch saure Dinge kalt. Daher impliziert die Trägheit einen gewissen Überdruss an der Arbeit, wie aus einer Glosse zu Ps 106,18 hervorgeht: „Ihrer Seele ekelte vor jeder Speise“, und aus der Definition einiger, die sagen, die Trägheit sei eine „Trägheit des Geistes, der es vernachlässigt, das Gute zu beginnen“.
Nun ist diese Traurigkeit immer ein Übel, manchmal an sich, manchmal in ihrer Wirkung. Denn Traurigkeit ist an sich böse, wenn sie sich auf das bezieht, was scheinbar böse, aber in Wirklichkeit gut ist, so wie andererseits Freude böse ist, wenn sie sich auf das bezieht, was gut scheint, aber in Wahrheit böse ist. Da nun das geistliche Gut ein Gut in voller Wahrheit ist, ist die Traurigkeit über das geistliche Gut an sich böse. Und doch ist auch jene Traurigkeit, die sich auf ein wirkliches Übel bezieht, in ihrer Wirkung böse, wenn sie den Menschen so niederdrückt, dass sie ihn gänzlich von guten Werken abzieht. Daher wollte der Apostel (2 Kor 2,7) nicht, dass jene, die bereuten, „in allzu große Traurigkeit versinken“.
Da demnach die Trägheit, wie wir sie hier verstehen, eine Traurigkeit über das geistliche Gut bezeichnet, ist sie in zweifacher Hinsicht böse, sowohl an sich als auch hinsichtlich ihrer Wirkung. Folglich ist sie eine Sünde, denn unter Sünde verstehen wir eine böse Bewegung des Begehrens, wie aus dem hervorgeht, was oben gesagt wurde (Frage [10], Artikel [2]; FS, Frage [74], Artikel [4]).
Antwort auf Einwand 1: Leidenschaften sind an sich nicht sündhaft; sie sind jedoch tadelnswert, insofern sie auf etwas Böses gerichtet sind, so wie sie Lob verdienen, insofern sie auf etwas Gutes gerichtet sind. Daher verlangt die Traurigkeit an sich weder nach Lob noch nach Tadel: wohingegen mäßige Traurigkeit über das Böse Lob verdient, während Traurigkeit über das Gute und wiederum unmäßige Traurigkeit über das Böse Tadel verdienen. In diesem Sinne wird die Trägheit als Sünde bezeichnet.
Antwort auf Einwand 2: Die Leidenschaften des sinnlichen Begehrens können entweder an sich lässliche Sünden sein oder die Seele zur Todsünde neigen. Und da das sinnliche Begehren ein körperliches Organ besitzt, folgt daraus, dass der Mensch aufgrund einer körperlichen Veränderung geneigt wird, eine bestimmte Sünde zu begehen. Daher kann es geschehen, dass gewisse Sünden durch bestimmte körperliche Veränderungen, die zu festgesetzten Zeiten auftreten, eindringlicher werden. Nun disponieren alle körperlichen Einwirkungen von sich aus zur Traurigkeit; und so kommt es, dass jene, die fasten, gegen Mittag von der Trägheit geplagt werden, wenn sie den Mangel an Nahrung zu spüren beginnen und von der Hitze der Sonne ausgedörrt werden.
Antwort auf Einwand 3: Es ist ein Zeichen der Demut, wenn ein Mensch aufgrund der Betrachtung seiner eigenen Fehler nicht zu viel von sich hält; wenn aber ein Mensch die guten Dinge verachtet, die er von Gott empfangen hat, so ist dies weit davon entfernt, ein Beweis der Demut zu sein, sondern zeigt ihn als undankbar: und aus solch einer Verachtung resultiert die Trägheit, weil wir uns über Dinge betrüben, die wir als schlecht und wertlos erachten. Dementsprechend sollten wir die Güter anderer hochschätzen, jedoch so, dass wir jene nicht herabwürdigen, die wir selbst empfangen haben, denn täten wir dies, würden sie uns Traurigkeit bereiten.
Antwort auf Einwand 4: Die Sünde ist immer zu meiden, aber die Angriffe der Sünde müssen überwunden werden, manchmal durch Flucht, manchmal durch Widerstand; durch Flucht, wenn ein fortgesetzter Gedanke den Anreiz zur Sünde vergrößert, wie bei der Unzucht; weshalb geschrieben steht (1 Kor 6,18): „Flieht die Unzucht“; durch Widerstand, wenn das Verharren im Gedanken den Anreiz zur Sünde vermindert, welcher Anreiz aus einer unbedeutenden Überlegung entsteht. Dies ist bei der Trägheit der Fall, denn je mehr wir über geistliche Güter nachdenken, desto gefälliger werden sie uns, und sogleich schwindet die Trägheit.