II-II, q. 35 a. 3
Ob die Trägheit eine Todsünde ist?
Quaestio 35 · Von der Trägheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Trägheit keine Todsünde ist. Denn jede Todsünde steht im Gegensatz zu einem Gebot des göttlichen Gesetzes. Aber die Trägheit scheint keinem Gebot entgegenzustehen, wie man sehen kann, wenn man die Gebote des Dekalogs durchgeht. Also ist die Trägheit keine Todsünde.
Einwand 2: Ferner ist in derselben Gattung eine Sünde der Tat nicht weniger schwerwiegend als eine Sünde des Gedankens. Nun ist es keine Todsünde, sich in der Tat von irgendeinem geistlichen Gut, das zu Gott führt, zurückzuhalten, sonst wäre es eine Todsünde, die Räte nicht zu befolgen. Also ist es keine Todsünde, sich im Gedanken von derartigen geistlichen Werken zurückzuhalten. Also ist die Trägheit keine Todsünde.
Einwand 3: Ferner ist in einem vollkommenen Menschen keine Todsünde zu finden. Aber die Trägheit ist in einem vollkommenen Menschen zu finden: denn Cassianus sagt (De Instit. Caenob. x, 1), dass „die Trägheit dem Einsiedler wohlbekannt und ein höchst lästiger und hartnäckiger Feind des Eremiten ist.“ Also ist die Trägheit nicht immer eine Todsünde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (2 Kor 7,10): „Die Traurigkeit der Welt bewirkt den Tod.“ Solcher Art aber ist die Trägheit; denn sie ist nicht die Traurigkeit „nach Gott“, welche der Traurigkeit der Welt gegenübergestellt wird. Also ist sie eine Todsünde.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (FS, Frage [88], Artikel [1],2), wird die Todsünde so genannt, weil sie das geistliche Leben zerstört, welches die Wirkung der Liebe ist, durch die Gott in uns wohnt. Daher ist jede Sünde, die ihrer Natur nach der Liebe entgegengesetzt ist, aufgrund ihrer Gattung eine Todsünde. Und solcher Art ist die Trägheit, weil die eigentliche Wirkung der Liebe die Freude an Gott ist, wie oben gesagt (Frage [28], Artikel [1]), während die Trägheit Traurigkeit über das geistliche Gut ist, insofern es ein göttliches Gut ist. Daher ist die Trägheit hinsichtlich ihrer Gattung eine Todsünde. Es muss jedoch bei allen Sünden, die hinsichtlich ihrer Gattung Todsünden sind, beachtet werden, dass sie nur dann Todsünden sind, wenn sie ihre Vollendung erreichen. Denn die Vollendung der Sünde liegt in der Zustimmung der Vernunft: denn wir sprechen jetzt von menschlichen Sünden, die in menschlichen Akten bestehen, deren Prinzip die Vernunft ist. Wenn daher die Sünde ein bloßer Anfang der Sünde allein in der Sinnlichkeit ist, ohne die Zustimmung der Vernunft zu erreichen, ist sie aufgrund der Unvollkommenheit des Aktes eine lässliche Sünde. So ist in der Gattung des Ehebruchs die Begierde, die nicht über die Sinnlichkeit hinausgeht, eine lässliche Sünde, wohingegen sie, wenn sie die Zustimmung der Vernunft erreicht, eine Todsünde ist. So ist auch die Bewegung der Trägheit manchmal allein in der Sinnlichkeit, aufgrund des Widerstreits des Fleisches gegen den Geist, und dann ist sie eine lässliche Sünde; wohingegen sie manchmal die Vernunft erreicht, die in die Abneigung, den Abscheu und die Verabscheuung des göttlichen Gutes einwilligt, weil das Fleisch gänzlich über den Geist obsiegt. In diesem Fall ist es offensichtlich, dass die Trägheit eine Todsünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Trägheit ist dem Gebot über die Heiligung des Sabbats entgegengesetzt. Denn dieses Gebot, insofern es ein moralisches Gebot ist, befiehlt implizit dem Geist, in Gott zu ruhen: und die Traurigkeit des Geistes über das göttliche Gut steht dem entgegen.
Antwort auf Einwand 2: Die Trägheit ist keine Abwendung des Geistes von irgendeinem geistlichen Gut, sondern vom göttlichen Gut, dem anzuhängen der Geist verpflichtet ist. Wenn sich daher ein Mensch betrübt, weil ihn jemand zwingt, Tugendakte zu vollbringen, zu denen er nicht verpflichtet ist, so ist dies keine Sünde der Trägheit; wohl aber, wenn er sich betrübt, etwas um Gottes willen tun zu müssen.
Antwort auf Einwand 3: Unvollkommene Bewegungen der Trägheit sind bei heiligen Menschen zu finden, aber sie erreichen nicht die Zustimmung der Vernunft.