II-II, q. 31 a. 4
Ob Wohltätigkeit eine spezielle Tugend ist?
Quaestio 31 · Von der Wohltätigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass Wohltätigkeit eine spezielle Tugend ist. Denn Gebote sind auf die Tugend gerichtet, da Gesetzgeber beabsichtigen, Menschen tugendhaft zu machen (Ethic. i 9,13; ii, 1). Nun werden Wohltätigkeit und Liebe als voneinander verschieden vorgeschrieben, denn es steht geschrieben (Mt 5,44): „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.“ Also ist Wohltätigkeit eine von der Liebe verschiedene Tugend.
Einwand 2: Ferner sind Laster den Tugenden entgegengesetzt. Nun sind der Wohltätigkeit gewisse Laster entgegengesetzt, durch die unserem Nächsten ein Schaden zugefügt wird, zum Beispiel Raub, Diebstahl und so weiter. Also ist Wohltätigkeit eine spezielle Tugend.
Einwand 3: Ferner wird die Liebe nicht in mehrere Arten unterteilt: wohingegen es mehrere Arten der Wohltätigkeit zu geben scheint, gemäß den verschiedenen Arten von Wohltaten. Also ist Wohltätigkeit eine von der Liebe verschiedene Tugend.
Dagegen spricht, dass der innere und der äußere Akt keine unterschiedlichen Tugenden erfordern. Nun unterscheiden sich Wohltätigkeit und Wohlwollen nur als äußerer und innerer Akt, da Wohltätigkeit die Ausführung des Wohlwollens ist. Da also Wohlwollen keine von der Liebe verschiedene Tugend ist, so ist es auch die Wohltätigkeit nicht.
Ich antworte darauf, dass Tugenden sich gemäß den verschiedenen Aspekten ihrer Objekte unterscheiden. Nun ist der formale Aspekt des Objekts der Liebe und der Wohltätigkeit derselbe, da beide Tugenden den allgemeinen Aspekt des Guten betrachten, wie oben erklärt (Artikel 1). Weshalb Wohltätigkeit keine von der Liebe verschiedene Tugend ist, sondern einen Akt der Liebe bezeichnet.
Antwort auf Einwand 1: Gebote werden nicht über Gewohnheiten (habitus), sondern über Akte der Tugend gegeben: weshalb die Unterscheidung des Gebots eine Unterscheidung nicht der Gewohnheiten, sondern der Akte bezeichnet.
Antwort auf Einwand 2: So wie alle unserem Nächsten erwiesenen Wohltaten, wenn wir sie unter dem allgemeinen Aspekt des Guten betrachten, auf die Liebe zurückzuführen sind, so sind alle Schädigungen, unter dem allgemeinen Aspekt des Bösen betrachtet, auf den Hass zurückzuführen. Wenn wir aber dieselben Dinge unter gewissen speziellen Aspekten des Guten oder des Bösen betrachten, sind sie auf gewisse spezielle Tugenden oder Laster zurückzuführen, und auf diese Weise gibt es auch verschiedene Arten von Wohltaten.
Daher ist die Antwort auf den dritten Einwand offensichtlich.