II-II, q. 30 a. 3
Ob die Barmherzigkeit eine Tugend ist?
Quaestio 30 · Von der Barmherzigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Barmherzigkeit keine Tugend ist. Denn der Hauptteil der Tugend ist die Wahl, wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii, 5). Nun ist die Wahl „das Begehren dessen, was bereits beraten wurde“ (Ethic. iii, 2). Daher kann alles, was die Beratung behindert, nicht als Tugend bezeichnet werden. Aber Barmherzigkeit behindert die Beratung, gemäß dem Ausspruch von Sallust (Catilin.): „Alle, die über zweifelhafte Dinge beraten, sollten frei sein von ... Zorn ... und Barmherzigkeit, weil der Geist nicht leicht das Richtige sieht, wenn diese Dinge im Wege stehen.“ Daher ist Barmherzigkeit keine Tugend.
Einwand 2: Ferner ist nichts, was der Tugend entgegengesetzt ist, lobenswert. Aber die Nemesis ist der Barmherzigkeit entgegengesetzt, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii, 9), und doch ist sie eine lobenswerte Leidenschaft (Rhet. ii, 9). Daher ist Barmherzigkeit keine Tugend.
Einwand 3: Ferner sind Freude und Friede keine besonderen Tugenden, weil sie aus der Liebe [caritas] resultieren, wie oben gesagt wurde (Quaestio [28], Artikel [4]; Quaestio [29], Artikel [4]). Nun resultiert auch die Barmherzigkeit aus der Liebe; denn aus Liebe weinen wir mit den Weinenden, wie wir uns mit den Fröhlichen freuen. Daher ist Barmherzigkeit keine besondere Tugend.
Einwand 4: Ferner, da Barmherzigkeit zum Strebevermögen gehört, ist sie keine intellektuelle Tugend, und da sie nicht Gott zum Objekt hat, ist sie auch keine theologische Tugend. Zudem ist sie keine moralische Tugend, denn weder bezieht sie sich auf Handlungen, denn dies gehört zur Gerechtigkeit; noch bezieht sie sich auf Leidenschaften, da sie nicht auf eine der zwölf Mitten zurückgeführt wird, die vom Philosophen erwähnt werden (Ethic. ii, 7). Daher ist Barmherzigkeit keine Tugend.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 5): „Cicero drückt sich, indem er Cäsar lobt, viel besser und in einer Weise aus, die zugleich menschlicher und mehr in Übereinstimmung mit religiösem Empfinden ist, wenn er sagt: ‚Von all deinen Tugenden ist keine wunderbarer oder anmutiger als deine Barmherzigkeit.‘“ Daher ist Barmherzigkeit eine Tugend.
Ich antworte darauf, Barmherzigkeit bezeichnet Trauer über das Elend eines anderen. Nun kann diese Trauer auf eine Weise eine Bewegung des sinnlichen Begehrens bezeichnen, in welchem Fall Barmherzigkeit keine Tugend, sondern eine Leidenschaft ist; wohingegen sie auf eine andere Weise eine Bewegung des intellektiven Begehrens bezeichnen kann, insofern das Übel einer Person einer anderen missfällt. Diese Bewegung kann gemäß der Vernunft gelenkt werden, und in Übereinstimmung mit dieser von der Vernunft geregelten Bewegung kann die Bewegung des niederen Begehrens geregelt werden. Daher sagt Augustinus (De Civ. Dei ix, 5), dass „diese Bewegung des Gemüts“ (nämlich Barmherzigkeit) „der Vernunft gehorcht, wenn Barmherzigkeit in einer solchen Weise gewährt wird, dass die Gerechtigkeit gewahrt bleibt, ob wir nun den Bedürftigen geben oder den Reuigen vergeben.“ Und da es wesentlich für die menschliche Tugend ist, dass die Bewegungen der Seele durch die Vernunft geregelt werden, wie oben gezeigt wurde (FS, Quaestio [59], Artikel [4],5), folgt daraus, dass Barmherzigkeit eine Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Worte von Sallust sind so zu verstehen, dass sie auf die Barmherzigkeit zutreffen, die eine nicht durch die Vernunft geregelte Leidenschaft ist: denn so behindert sie die Beratung der Vernunft, indem sie sie von der Gerechtigkeit abirren lässt.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph spricht dort von Mitleid und Nemesis, beide als Leidenschaften betrachtet. Sie sind einander entgegengesetzt hinsichtlich ihrer jeweiligen Einschätzung der Übel eines anderen, worüber das Mitleid trauert, insofern es einschätzt, dass jemand unverdient leidet, wohingegen die Nemesis sich freut, insofern sie einschätzt, dass jemand verdientermaßen leidet, und trauert, wenn es den Unwürdigen gut geht: „beide sind lobenswert und kommen aus derselben Charakteranlage“ (Rhet. ii, 9). Eigentlich gesprochen ist jedoch der Neid das, was dem Mitleid entgegengesetzt ist, wie wir weiter unten feststellen werden (Quaestio [36], Artikel [3]).
Antwort auf Einwand 3: Freude und Friede fügen dem Aspekt des Guten, welches das Objekt der Liebe ist, nichts hinzu, weshalb sie keine andere Tugend neben der Liebe erfordern. Aber Barmherzigkeit betrachtet einen gewissen besonderen Aspekt, nämlich das Elend der bemitleideten Person.
Antwort auf Einwand 4: Barmherzigkeit, als Tugend betrachtet, ist eine moralische Tugend, die eine Beziehung zu den Leidenschaften hat, und sie wird auf die Mitte zurückgeführt, die Nemesis genannt wird, weil „beide aus demselben Charakter hervorgehen“ (Rhet. ii, 9). Nun schlägt der Philosoph diese Mitten nicht als Tugenden vor, sondern als Leidenschaften, weil sie, selbst als Leidenschaften, lobenswert sind. Doch hindert nichts daran, dass sie aus einem wählenden Habitus hervorgehen, in welchem Fall sie den Charakter einer Tugend annehmen.