II-II, q. 30 a. 2
Ob der Grund für das Mitleid ein Mangel in demjenigen ist, der Mitleid hat?
Quaestio 30 · Von der Barmherzigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass der Grund für das Mitleid kein Mangel in der Person ist, die Mitleid hat. Denn es ist Gott eigen, barmherzig zu sein, weshalb geschrieben steht (Ps 144,9): „Sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.“ Aber in Gott gibt es keinen Mangel. Daher kann ein Mangel nicht der Grund für das Mitleid sein.
Einwand 2: Ferner, wenn ein Mangel der Grund für das Mitleid ist, müssten diejenigen, in denen der größte Mangel ist, am meisten Mitleid haben. Aber das ist falsch: denn der Philosoph sagt (Rhet. ii, 8), dass „diejenigen, die in einem verzweifelten Zustand sind, mitleidlos sind.“ Daher scheint es, dass der Grund für das Mitleid kein Mangel in der Person ist, die Mitleid hat.
Einwand 3: Ferner, mit Verachtung behandelt zu werden, bedeutet mangelhaft zu sein. Aber der Philosoph sagt (Rhet. ii, 8), dass „diejenigen, die zur Schmähung neigen, mitleidlos sind.“ Daher ist der Grund für das Mitleid kein Mangel in der Person, die Mitleid hat.
Dagegen spricht, dass Mitleid eine Art Traurigkeit ist. Aber ein Mangel ist der Grund der Traurigkeit, weshalb diejenigen, die bei schlechter Gesundheit sind, leichter der Traurigkeit nachgeben, wie wir weiter unten sagen werden (Quaestio [35], Artikel [1], ad 2). Daher ist der Grund, warum jemand Mitleid hat, ein Mangel in ihm selbst.
Ich antworte darauf, Da Mitleid Trauer über das Elend eines anderen ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), folgt aus der bloßen Tatsache, dass eine Person Mitleid mit jemandem hat, dass das Elend des anderen sie schmerzt. Und da Trauer oder Schmerz sich auf die eigenen Übel bezieht, trauert oder schmerzt man über das Elend eines anderen, insofern man das Elend des anderen als das eigene betrachtet.
Dies geschieht nun auf zwei Weisen: erstens durch die Einigung der Zuneigung, welche die Wirkung der Liebe ist. Denn da derjenige, der einen anderen liebt, seinen Freund als ein anderes Selbst betrachtet, zählt er den Schaden seines Freundes als seinen eigenen, so dass er über den Schaden seines Freundes trauert, als ob er selbst verletzt wäre. Daher rechnet der Philosoph (Ethic. ix, 4) das „Mit-Trauern mit dem Freund“ zu den Zeichen der Freundschaft, und der Apostel sagt (Röm 12,15): „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“
Zweitens geschieht es durch reale Einigung, zum Beispiel wenn das Übel eines anderen uns nahe kommt, so dass es von ihm auf uns übergeht. Daher sagt der Philosoph (Rhet. ii, 8), dass Menschen Mitleid mit denen haben, die ihnen verwandt sind, und dergleichen, weil es ihnen bewusst macht, dass dasselbe ihnen selbst widerfahren kann. Dies erklärt auch, warum die Alten und die Weisen, die bedenken, dass sie in schlechte Zeiten fallen könnten, sowie schwache und ängstliche Personen eher zum Mitleid neigen: wohingegen diejenigen, die sich für glücklich halten und so mächtig, dass sie glauben, in keiner Gefahr zu sein, irgendeinen Schaden zu erleiden, nicht so sehr zum Mitleid neigen.
Dementsprechend ist ein Mangel immer der Grund für das Mitleid, entweder weil man den Mangel eines anderen als den eigenen betrachtet, indem man durch Liebe mit ihm verbunden ist, oder aufgrund der Möglichkeit, auf dieselbe Weise zu leiden.
Antwort auf Einwand 1: Gott hat Mitleid mit uns allein aus Liebe, insofern Er uns als Ihm zugehörig liebt.
Antwort auf Einwand 2: Diejenigen, die bereits in unendlichem Elend sind, fürchten nicht, mehr zu leiden, weshalb sie ohne Mitleid sind. In gleicher Weise gilt dies auch für diejenigen, die in großer Furcht sind, denn sie sind so auf ihr eigenes Leiden konzentriert, dass sie dem Leiden anderer keine Aufmerksamkeit schenken.
Antwort auf Einwand 3: Diejenigen, die zur Schmähung neigen, sei es, weil sie verachtet wurden, oder weil sie andere verachten wollen, werden zu Zorn und Wagemut angestachelt, welche männliche Leidenschaften sind und den menschlichen Geist anregen, schwierige Dinge zu versuchen. Daher lassen sie einen Menschen denken, dass er in Zukunft etwas erleiden wird, so dass sie, solange sie so disponiert sind, mitleidlos sind, gemäß Spr 27,4: „Der Zorn kennt kein Erbarmen, noch die Wut, wenn sie ausbricht.“ Aus demselben Grund sind die Stolzen ohne Mitleid, weil sie andere verachten und sie für böse halten, so dass sie ansehen, dass diese verdientermaßen leiden, was immer sie leiden. Daher sagt Gregor (Hom. in Evang. xxxiv), dass „falsche Frömmigkeit“, d.h. die der Stolzen, „nicht mitfühlend, sondern verachtend ist.“