II-II, q. 29 a. 2
Ob alle Dinge den Frieden begehren?
Quaestio 29 · Vom Frieden
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle Dinge den Frieden begehren. Denn gemäß Dionysius (Div. Nom. xi) „eint der Friede die Zustimmung“. Aber es kann keine Einheit der Zustimmung in Dingen geben, die der Erkenntnis ermangeln. Daher können solche Dinge den Frieden nicht begehren.
Einwand 2: Ferner strebt das Begehren nicht zur gleichen Zeit nach entgegengesetzten Dingen. Nun begehren viele Krieg und Zwietracht. Also begehren nicht alle Menschen den Frieden.
Einwand 3: Ferner ist allein das Gute ein Objekt des Begehrens. Aber ein gewisser Friede ist scheinbar böse, sonst hätte unser Herr nicht gesagt (Mt 10,34): „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden.“ Also begehren nicht alle Dinge den Frieden.
Einwand 4: Ferner ist das, was alle begehren, scheinbar das höchste Gut, welches das letzte Ziel ist. Dies trifft aber auf den Frieden nicht zu, da er sogar von einem Pilger erlangt werden kann; sonst hätte unser Herr vergeblich befohlen (Mk 9,49): „Haltet Frieden untereinander.“ Also begehren nicht alle Dinge den Frieden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 12,14), dass „alle Dinge den Frieden begehren“: und Dionysius sagt dasselbe (Div. Nom. xi).
Ich antworte darauf, dass allein aus der Tatsache, dass ein Mensch eine bestimmte Sache begehrt, folgt, dass er begehrt, das zu erlangen, was er begehrt, und folglich alles zu beseitigen, was ein Hindernis für dessen Erlangung sein könnte. Nun kann ein Mensch daran gehindert werden, das Gut zu erlangen, das er begehrt, durch ein entgegengesetztes Begehren entweder von ihm selbst oder von einem anderen, und beides wird durch den Frieden beseitigt, wie oben dargelegt. Daher folgt notwendigerweise, dass jeder, der irgendetwas begehrt, den Frieden begehrt, insofern derjenige, der etwas begehrt, wünscht, in Ruhe und ohne Hindernis zu dem zu gelangen, was er begehrt: und dies ist es, was mit Frieden gemeint ist, den Augustinus definiert (De Civ. Dei xix, 13) als „die Ruhe der Ordnung“.
Antwort auf Einwand 1: Friede bezeichnet die Einigung nicht nur des intellektiven oder vernünftigen Begehrens oder des tierischen Begehrens, in denen beiden Zustimmung gefunden werden kann, sondern auch des natürlichen Begehrens. Daher sagt Dionysius, dass „der Friede die Ursache der Zustimmung und der Wesensverwandtschaft ist“, wobei „Zustimmung“ die Einigung der aus der Erkenntnis hervorgehenden Bestrebungen bezeichnet und „Wesensverwandtschaft“ die Einigung der natürlichen Bestrebungen.
Antwort auf Einwand 2: Selbst jene, die Krieg und Zwietracht suchen, begehren nichts anderes als Frieden, den sie nicht zu haben glauben. Denn wie wir oben sagten, gibt es keinen Frieden, wenn ein Mensch mit einem anderen Menschen gegen das übereinstimmt, was er vorziehen würde. Folglich suchen die Menschen mittels des Krieges diese Eintracht zu brechen, weil sie ein mangelhafter Friede ist, damit sie einen Frieden erlangen, wo nichts ihrem Willen entgegensteht. Daher werden alle Kriege geführt, damit die Menschen einen vollkommeneren Frieden finden als jenen, den sie bisher hatten.
Antwort auf Einwand 3: Der Friede verleiht dem Begehren Ruhe und Einheit. Nun kann das Begehren auf das schlechthin Gute gerichtet sein oder auf das scheinbar Gute; ebenso kann auch der Friede entweder wahr oder scheinbar sein. Es kann keinen wahren Frieden geben, außer dort, wo das Begehren auf das wahrhaft Gute gerichtet ist, da jedes Übel, auch wenn es in gewisser Weise gut erscheinen mag, so dass es das Begehren in gewisser Hinsicht beruhigt, dennoch viele Mängel aufweist, die bewirken, dass das Begehren unruhig und gestört bleibt. Daher ist wahrer Friede nur in guten Menschen und in Bezug auf gute Dinge. Der Friede der Gottlosen ist kein wahrer Friede, sondern ein Schein davon, weshalb geschrieben steht (Weish 14,22): „Da sie in einem großen Krieg der Unwissenheit lebten, nannten sie so viele und so große Übel Frieden.“
Antwort auf Einwand 4: Da wahrer Friede nur in Bezug auf gute Dinge besteht, und da das wahre Gut auf zweifache Weise besessen wird, vollkommen und unvollkommen, so gibt es einen zweifachen wahren Frieden. Der eine ist der vollkommene Friede. Er besteht im vollkommenen Genuss des höchsten Gutes und vereint alle Wünsche eines Menschen, indem er ihnen Ruhe in einem einzigen Objekt gibt. Dies ist das letzte Ziel des vernunftbegabten Geschöpfes, gemäß Ps 147,3: „Der Frieden in deine Grenzen gebracht hat.“ Der andere ist der unvollkommene Friede, der in dieser Welt gehabt werden kann; denn obwohl die Hauptbewegung der Seele in Gott Ruhe findet, gibt es doch gewisse Dinge innerhalb und außerhalb, die den Frieden stören.