II-II, q. 29 a. 1
Ob der Friede dasselbe ist wie die Eintracht?
Quaestio 29 · Vom Frieden
Einwand 1: Es scheint, dass der Friede dasselbe ist wie die Eintracht. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 13): „Der Friede der Menschen ist die geordnete Eintracht.“ Wir sprechen hier aber von keinem anderen Frieden als dem der Menschen. Also ist der Friede dasselbe wie die Eintracht.
Einwand 2: Ferner ist die Eintracht eine Einigung der Willen. Das Wesen des Friedens besteht nun in einer ebensolchen Einigung; denn Dionysius sagt (Div. Nom. xi), dass der Friede alles eint und einsinnig macht. Also ist der Friede dasselbe wie die Eintracht.
Einwand 3: Ferner sind Dinge, deren Gegensätze identisch sind, selbst identisch. Nun steht ein und dasselbe der Eintracht und dem Frieden entgegen, nämlich die Zwietracht; daher steht geschrieben (1 Kor 14,33): „Gott ist nicht ein Gott der Zwietracht, sondern des Friedens.“ Also ist der Friede dasselbe wie die Eintracht.
Dagegen spricht, dass es zwischen bösen Menschen Eintracht im Bösen geben kann. Aber „die Gottlosen haben keinen Frieden“ (Jes 48,22). Also ist der Friede nicht dasselbe wie die Eintracht.
Ich antworte darauf, dass der Friede die Eintracht einschließt und ihr etwas hinzufügt. Daher ist überall dort, wo Friede ist, auch Eintracht; aber nicht überall, wo Eintracht ist, ist auch Friede, wenn wir dem Frieden seine eigentliche Bedeutung geben.
Denn Eintracht besteht eigentlich zwischen einem Menschen und einem anderen, insofern die Willen verschiedener Herzen darin übereinstimmen, derselben Sache zuzustimmen. Das Herz eines einzelnen Menschen kann jedoch dazu neigen, nach verschiedenen Dingen zu streben, und dies auf zweifache Weise. Erstens hinsichtlich der verschiedenen Begehrungsvermögen: So strebt das sinnliche Begehren manchmal nach dem, was dem vernünftigen Begehren entgegengesetzt ist, gemäß Gal 5,17: „Das Fleisch begehrt wider den Geist.“ Zweitens, insofern ein und dasselbe Begehrungsvermögen auf verschiedene Objekte des Begehrens gerichtet ist, die es nicht alle zur gleichen Zeit erlangen kann: so dass es notwendigerweise zu einem Zusammenstoß der Bewegungen des Begehrens kommt. Die Einigung solcher Bewegungen ist nun wesentlich für den Frieden, weil das Herz des Menschen keinen Frieden hat, solange er nicht hat, was er will, oder wenn, obwohl er hat, was er will, noch etwas für ihn zu wünschen übrig bleibt, das er nicht zur gleichen Zeit haben kann. Andererseits ist diese Einigung für die Eintracht nicht wesentlich: Daher bezeichnet Eintracht die Einigung der Bestrebungen zwischen verschiedenen Personen, während Friede zusätzlich zu dieser Einigung auch die Einigung der Bestrebungen in einem einzigen Menschen bezeichnet.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht dort von jenem Frieden, der zwischen einem Menschen und einem anderen besteht, und er sagt, dass dieser Friede Eintracht ist, jedoch nicht irgendeine Art von Eintracht, sondern jene, die wohlgeordnet ist, indem ein Mensch mit einem anderen in Bezug auf etwas übereinstimmt, das beiden ziemt. Denn wenn ein Mensch mit einem anderen übereinstimmt, nicht aus eigenem Antrieb, sondern gleichsam gezwungen durch die Furcht vor einem Übel, das ihn bedrängt, so ist eine solche Eintracht nicht wirklich Friede, weil die Ordnung eines jeden der Übereinstimmenden nicht gewahrt, sondern durch eine furchteinflößende Ursache gestört wird. Aus diesem Grund schickt er voraus, dass „Friede die Ruhe der Ordnung ist“, welche Ruhe darin besteht, dass alle begehrenden Bewegungen in einem Menschen gemeinsam zur Ruhe kommen.
Antwort auf Einwand 2: Wenn ein Mensch derselben Sache zusammen mit einem anderen Menschen zustimmt, so ist seine Zustimmung dennoch nicht vollkommen mit sich selbst vereint, es sei denn, alle seine begehrenden Bewegungen stimmen zur gleichen Zeit überein.
Antwort auf Einwand 3: Dem Frieden steht eine zweifache Zwietracht entgegen, nämlich die Zwietracht zwischen einem Menschen und sich selbst und die Zwietracht zwischen einem Menschen und einem anderen. Letztere allein steht der Eintracht entgegen.