II-II, q. 28 a. 4
: Ob die Freude eine Tugend ist?
Quaestio 28 · Von der Freude
Einwand 1: Es scheint, dass die Freude eine Tugend ist. Denn das Laster ist das Gegenteil der Tugend. Nun wird die Traurigkeit als ein Laster festgesetzt, wie im Falle der Trägheit (Acedia) und des Neides. Also sollte auch die Freude als eine Tugend angesehen werden.
Einwand 2: Ferner, wie Liebe und Hoffnung Leidenschaften sind, deren Gegenstand das „Gute“ ist, so ist es auch die Freude. Nun werden Liebe und Hoffnung zu den Tugenden gerechnet. Also sollte auch die Freude als eine Tugend gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner beziehen sich die Gebote des Gesetzes auf Akte der Tugend. Wir aber werden aufgefordert, uns im Herrn zu freuen, gemäß Phil 4,4: „Freut euch im Herrn allezeit.“ Also ist die Freude eine Tugend.
Dagegen spricht, dass sie weder unter den theologischen Tugenden, noch unter den moralischen, noch unter den intellektuellen Tugenden aufgezählt wird, wie aus dem ersichtlich ist, was oben gesagt wurde (I-II, Q. 57, 60, 62).
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (I-II, Q. 55, Art. 2, 4), die Tugend ein tätiger Habitus ist, weshalb sie ihrer Natur nach eine Hinneigung zu einem bestimmten Akt hat. Nun kann es geschehen, dass aus demselben Habitus mehrere geordnete und gleichartige Akte hervorgehen, von denen jeder aus dem anderen folgt. Und da die nachfolgenden Akte nicht aus dem tugendhaften Habitus hervorgehen außer durch den vorhergehenden Akt, kommt es daher, dass die Tugend in Bezug auf jenen vorhergehenden Akt definiert und benannt wird, obwohl auch jene anderen Akte aus der Tugend hervorgehen. Nun ist aus dem, was wir über die Leidenschaften gesagt haben (I-II, Q. 25, Art. 2, 4), ersichtlich, dass die Liebe die erste Regung der Begehrungskraft ist und dass Verlangen und Freude aus ihr folgen. Daher neigt uns derselbe tugendhafte Habitus dazu, das geliebte Gut zu lieben und zu begehren und uns daran zu freuen. Aber insofern die Liebe der erste dieser Akte ist, nimmt jene Tugend ihren Namen nicht von der Freude, noch vom Verlangen, sondern von der Liebe, und wird Caritas (Liebe) genannt. Daher ist die Freude keine von der Liebe verschiedene Tugend, sondern ein Akt oder eine Wirkung der Liebe: aus welchem Grund sie unter die Früchte gezählt wird (Gal 5,22).
Antwort auf Einwand 1: Die Traurigkeit, die ein Laster ist, wird durch die ungeordnete Selbstliebe verursacht, und diese ist kein spezielles Laster, sondern eine allgemeine Quelle der Laster, wie oben gesagt wurde (I-II, Q. 77, Art. 4); so dass es notwendig war, gewisse besondere Traurigkeiten als spezielle Laster anzusehen, weil sie nicht aus einem speziellen, sondern aus einem allgemeinen Laster entstehen. Andererseits wird die Liebe zu Gott als eine spezielle Tugend angesehen, nämlich die Caritas, auf welche die Freude als ihr eigentümlicher Akt zurückgeführt werden muss, wie oben gesagt (hier und Art. 2).
Antwort auf Einwand 2: Die Hoffnung geht aus der Liebe hervor, ebenso wie die Freude, aber die Hoffnung fügt von Seiten des Objekts einen speziellen Charakter hinzu, nämlich „schwierig“ und „möglich zu erlangen“; aus diesem Grund wird sie als eine spezielle Tugend angesehen. Andererseits fügt die Freude der Liebe keinen speziellen Aspekt hinzu, der eine spezielle Tugend verursachen könnte.
Antwort auf Einwand 3: Das Gesetz schreibt die Freude vor, da sie ein Akt der Liebe ist, wenngleich nicht ihr erster Akt.