II-II, q. 28 a. 1
: Ob die Freude in uns durch die Liebe bewirkt wird?
Quaestio 28 · Von der Freude
Einwand 1: Es scheint, dass die Freude nicht durch die Liebe in uns bewirkt wird. Denn die Abwesenheit dessen, was wir lieben, verursacht eher Traurigkeit als Freude. Gott aber, den wir durch die Liebe lieben, ist von uns abwesend, solange wir uns in diesem Zustand des Lebens befinden, da wir, „solange wir im Leibe wandern, fern vom Herrn sind“ (2 Kor 5,6). Daher verursacht die Liebe eher Traurigkeit in uns als Freude.
Einwand 2: Ferner verdienen wir die Seligkeit hauptsächlich durch die Liebe. Nun wird aber die Trauer, die zur Traurigkeit gehört, zu jenen Dingen gerechnet, durch die wir die Seligkeit verdienen, gemäß Mt 5,5: „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Also ist eher die Traurigkeit als die Freude eine Wirkung der Liebe.
Einwand 3: Ferner ist die Liebe eine von der Hoffnung verschiedene Tugend, wie oben gezeigt wurde (Q. 17, Art. 6). Die Freude aber ist die Wirkung der Hoffnung, gemäß Röm 12,12: „Seid fröhlich in der Hoffnung.“ Also ist sie nicht die Wirkung der Liebe.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Röm 5,5): „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Die Freude aber wird in uns durch den Heiligen Geist bewirkt, gemäß Röm 14,17: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Also ist die Liebe eine Ursache der Freude.
Ich antworte darauf, dass, wie oben ausgeführt wurde (I-II, Q. 25, Art. 1, 2, 3), als wir von den Leidenschaften handelten, Freude und Traurigkeit aus der Liebe hervorgehen, jedoch auf entgegengesetzte Weise. Denn die Freude wird durch die Liebe verursacht, entweder durch die Gegenwart der geliebten Sache oder weil das eigene Gut der geliebten Sache existiert und in ihr fortdauert; und letzteres ist vornehmlich der Fall bei der Liebe des Wohlwollens, wodurch ein Mensch sich über das Wohlergehen seines Freundes freut, auch wenn dieser abwesend ist. Andererseits entsteht Traurigkeit aus der Liebe, entweder durch die Abwesenheit der geliebten Sache oder weil das geliebte Objekt, dem wir Gutes wünschen, seines Gutes beraubt oder mit irgendeinem Übel behaftet ist. Nun ist die Liebe (Caritas) die Liebe zu Gott, dessen Gut unveränderlich ist, da Er seine Güte selbst ist; und allein aufgrund der Tatsache, dass Er geliebt wird, ist Er in denen, die Ihn lieben, durch seine vorzüglichste Wirkung, gemäß 1 Joh 4,16: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Daher wird die geistliche Freude, die sich auf Gott bezieht, durch die Liebe verursacht.
Antwort auf Einwand 1: Solange wir im Leibe sind, sagt man, wir seien „fern vom Herrn“ im Vergleich zu jener Gegenwart, durch die Er einigen durch die Vision des „Schauens“ gegenwärtig ist; weshalb der Apostel fortfährt (2 Kor 5,7): „Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ Dennoch ist Er auch in diesem Leben jenen, die Ihn lieben, durch die Einwohnung seiner Gnade gegenwärtig.
Antwort auf Einwand 2: Die Trauer, welche die Seligkeit verdient, bezieht sich auf jene Dinge, die der Seligkeit entgegenstehen. Daher läuft es auf dasselbe hinaus, dass die Liebe diese Trauer verursacht und diese geistliche Freude über Gott, da sich über ein bestimmtes Gut zu freuen auf dasselbe hinausläuft, wie sich über Dinge zu betrüben, die ihm entgegenstehen.
Antwort auf Einwand 3: Es kann auf zweifache Weise geistliche Freude über Gott geben. Erstens, wenn wir uns über das göttliche Gut freuen, wie es in sich selbst betrachtet wird; zweitens, wenn wir uns über das göttliche Gut freuen, wie wir daran teilhaben. Die erstere Freude ist die bessere und geht hauptsächlich aus der Liebe hervor; die letztere Freude hingegen geht auch aus der Hoffnung hervor, durch die wir darauf vertrauen, das göttliche Gut zu genießen, wenngleich dieser Genuss selbst, ob vollkommen oder unvollkommen, gemäß dem Maß der eigenen Liebe erlangt wird.