II-II, q. 28 a. 2
: Ob die geistliche Freude, die aus der Liebe folgt, eine Beimischung von Traurigkeit zulässt?
Quaestio 28 · Von der Freude
Einwand 1: Es scheint, dass die geistliche Freude, die aus der Liebe folgt, eine Beimischung von Traurigkeit zulässt. Denn es gehört zur Liebe, sich über das Gut des Nächsten zu freuen, gemäß 1 Kor 13,4.6: „Die Liebe... freut sich nicht über das Unrecht, sie freut sich aber an der Wahrheit.“ Diese Freude aber verträgt eine Beimischung von Traurigkeit, gemäß Röm 12,15: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“ Also lässt die geistliche Freude der Liebe eine Beimischung von Traurigkeit zu.
Einwand 2: Ferner besteht nach Gregor (Hom. in Evang. 34) „die Buße darin, vergangene Sünden zu beklagen und die beklagten nicht wieder zu begehen.“ Es gibt aber keine wahre Buße ohne die Liebe. Also hat die Freude der Liebe eine Beimischung von Traurigkeit.
Einwand 3: Ferner verlangt der Mensch durch die Liebe danach, bei Christus zu sein, gemäß Phil 1,23: „Ich habe Lust, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein.“ Nun ruft dieses Verlangen im Menschen eine gewisse Traurigkeit hervor, gemäß Ps 119,5: „Wehe mir, dass mein Aufenthalt sich verlängert!“ Also lässt die Freude der Liebe eine Beimengung von Traurigkeit zu.
Dagegen spricht, dass die Freude der Liebe eine Freude über die göttliche Weisheit ist. Eine solche Freude aber hat keine Beimischung von Traurigkeit, gemäß Weish 8,16: „Ihr Umgang hat keine Bitterkeit.“ Also ist die Freude der Liebe unvereinbar mit einer Beimischung von Traurigkeit.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 1, ad 3), eine zweifache Freude an Gott aus der Liebe entspringt. Die eine, die vorzüglichere, ist der Liebe eigentümlich; und mit dieser Freude freuen wir uns über das göttliche Gut, wie es in sich selbst betrachtet wird. Diese Freude der Liebe ist unvereinbar mit einer Beimischung von Traurigkeit, so wie das Gut, das ihr Gegenstand ist, unvereinbar ist mit irgendeiner Beimischung von Übel; daher sagt der Apostel (Phil 4,4): „Freut euch im Herrn allezeit.“
Die andere ist die Freude der Liebe, durch die wir uns über das göttliche Gut freuen, wie wir daran teilhaben. Diese Teilhabe kann durch alles, was ihr entgegensteht, behindert werden; weshalb in dieser Hinsicht die Freude der Liebe mit einer Beimischung von Traurigkeit vereinbar ist, insofern ein Mensch sich über das betrübt, was die Teilhabe am göttlichen Gut behindert, sei es in uns oder in unserem Nächsten, den wir wie uns selbst lieben.
Antwort auf Einwand 1: Unser Nächster weint nur wegen irgendeines Übels. Nun impliziert jedes Übel einen Mangel an der Teilhabe am höchsten Gut; daher lässt uns die Liebe mit unserem Nächsten weinen, insofern er an der Teilhabe am göttlichen Gut gehindert ist.
Antwort auf Einwand 2: Unsere Sünden trennen uns von Gott, gemäß Jes 59,2; weshalb dies der Grund ist, warum wir uns über unsere vergangenen Sünden oder über die anderer betrüben, insofern sie uns an der Teilhabe am göttlichen Gut hindern.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl wir in dieser unglückseligen Wohnstätte gewissermaßen am göttlichen Gut durch Erkenntnis und Liebe teilhaben, so ist doch das Elend dieses Lebens ein Hindernis für eine vollkommene Teilhabe am göttlichen Gut; daher ist eben diese Traurigkeit, durch die ein Mensch sich über die Verzögerung der Herrlichkeit betrübt, mit dem Hindernis für eine Teilhabe am göttlichen Gut verbunden.