II-II, q. 21 a. 3
Ob die Vermessenheit mehr der Furcht als der Hoffnung entgegengesetzt ist?
Quaestio 21 · Von der Vermessenheit
1. Einwand: Es scheint, dass die Vermessenheit mehr der Furcht als der Hoffnung entgegengesetzt ist. Denn ungeordnete Furcht ist der rechten Furcht entgegengesetzt. Nun scheint die Vermessenheit zur ungeordneten Furcht zu gehören, denn es steht geschrieben (Weish 17,10): „Das beunruhigte Gewissen erwartet [vermutet] stets Schlimmes“, und (Weish 17,11), dass „Furcht eine Hilfe für die Vermessenheit ist“ [*Vulg.: 'Furcht ist nichts anderes als das Aufgeben der Hilfe, die aus dem Nachdenken kommt.']. Also ist die Vermessenheit eher der Furcht als der Hoffnung entgegengesetzt.
2. Einwand: Ferner sind Gegensätze am weitesten voneinander entfernt. Nun ist die Vermessenheit weiter von der Furcht entfernt als von der Hoffnung, weil Vermessenheit eine Bewegung auf etwas hin impliziert, ebenso wie die Hoffnung, während Furcht eine Bewegung von einem Ding weg bezeichnet. Also ist die Vermessenheit eher der Furcht als der Hoffnung entgegengesetzt.
3. Einwand: Ferner schließt die Vermessenheit die Furcht gänzlich aus, während sie die Hoffnung nicht gänzlich ausschließt, sondern nur die Richtigkeit der Hoffnung. Da sich also Gegensätze gegenseitig aufheben, scheint es, dass die Vermessenheit eher der Furcht als der Hoffnung entgegengesetzt ist.
Dagegen spricht: Wenn zwei Laster einander entgegengesetzt sind, sind sie derselben Tugend entgegengesetzt, wie Feigheit und Tollkühnheit der Tapferkeit entgegengesetzt sind. Nun ist die Sünde der Vermessenheit der Sünde der Verzweiflung entgegengesetzt, welche direkt der Hoffnung entgegengesetzt ist. Also scheint es, dass auch die Vermessenheit direkter der Hoffnung entgegengesetzt ist.
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (Contra Julian. iv, 3), „jede Tugend nicht nur ein ihr offenkundig unterschiedenes gegenteiliges Laster hat, wie die Tollkühnheit der Klugheit entgegengesetzt ist, sondern auch ein gewissermaßen verwandtes Laster, das ihr nicht in der Wahrheit, sondern nur durch einen trügerischen Schein gleicht, wie die List der Klugheit entgegengesetzt ist.“ Dies stimmt mit dem Philosophen überein, der sagt (Ethic. ii, 8), dass eine Tugend mehr mit einem der entgegengesetzten Laster gemein zu haben scheint als mit dem anderen, wie die Mäßigkeit mit der Gefühllosigkeit und die Tapferkeit mit der Tollkühnheit.
Demnach scheint die Vermessenheit der Furcht offenkundig entgegengesetzt zu sein, besonders der knechtischen Furcht, welche auf die Strafe blickt, die aus Gottes Gerechtigkeit entspringt, deren Erlassung die Vermessenheit erhofft; doch durch eine Art falscher Ähnlichkeit ist sie mehr der Hoffnung entgegengesetzt, da sie eine ungeordnete Hoffnung auf Gott bezeichnet. Und da Dinge direkter entgegengesetzt sind, wenn sie zur selben Gattung gehören, als wenn sie zu verschiedenen Gattungen gehören, folgt daraus, dass die Vermessenheit direkter der Hoffnung als der Furcht entgegengesetzt ist. Denn beide betrachten denselben Gegenstand und stützen sich auf ihn: die Hoffnung geordnet, die Vermessenheit ungeordnet.
Antwort auf den 1. Einwand: So wie Hoffnung missbräuchlich verwendet wird, wenn man von Übeln spricht, und eigentlich, wenn man vom Guten spricht, so ist es auch bei der Vermessenheit: Auf diese Weise wird die ungeordnete Furcht Vermessenheit genannt.
Antwort auf den 2. Einwand: Gegensätze sind Dinge, die innerhalb derselben Gattung am weitesten voneinander entfernt sind. Nun bezeichnen Vermessenheit und Hoffnung eine Bewegung derselben Gattung, die entweder geordnet oder ungeordnet sein kann. Daher ist die Vermessenheit direkter der Hoffnung entgegengesetzt als der Furcht, da sie der Hoffnung hinsichtlich ihres artbildenden Unterschieds entgegengesetzt ist, wie ein ungeordnetes Ding einem geordneten, während sie der Furcht hinsichtlich ihres gattungsmäßigen Unterschieds entgegengesetzt ist, welcher die Bewegung der Hoffnung ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Vermessenheit ist der Furcht durch eine gattungsmäßige Gegensätzlichkeit entgegengesetzt, der Tugend der Hoffnung aber durch eine artmäßige Gegensätzlichkeit. Daher schließt die Vermessenheit die Furcht gänzlich aus, sogar der Gattung nach, während sie die Hoffnung nicht ausschließt, außer aufgrund ihres Unterschieds, indem sie deren Geordnetheit ausschließt.