II-II, q. 21 a. 2
Ob die Vermessenheit Sünde ist?
Quaestio 21 · Von der Vermessenheit
1. Einwand: Es scheint, dass die Vermessenheit keine Sünde ist. Denn keine Sünde ist ein Grund, warum der Mensch von Gott erhört werden sollte. Doch durch Vermessenheit werden einige von Gott erhört, denn es steht geschrieben (Judit 9,17): „Erhöre mich Armen, der ich zu dir flehe und auf deine Barmherzigkeit vertraue [lat.: praesumentem].“ Also ist die Vermessenheit auf Gottes Barmherzigkeit keine Sünde.
2. Einwand: Ferner bezeichnet Vermessenheit übermäßige Hoffnung. Aber es kann kein Übermaß jener Hoffnung geben, die auf Gott gerichtet ist, da Seine Macht und Barmherzigkeit unendlich sind. Also scheint es, dass Vermessenheit keine Sünde ist.
3. Einwand: Ferner entschuldigt das, was Sünde ist, nicht von der Sünde. Denn der Meister sagt (Sent. ii, D, 22), dass „Adam weniger sündigte, weil er in der Hoffnung auf Vergebung sündigte“, was auf Vermessenheit hinzudeuten scheint. Also ist Vermessenheit keine Sünde.
Dagegen spricht, dass sie als eine Art der Sünde wider den Heiligen Geist gerechnet wird.
Ich antworte darauf, dass, wie oben (Q. [20], Art. [1]) in Bezug auf die Verzweiflung dargelegt wurde, jede Begehrungsbewegung, die einem falschen Verstandesurteil gleichförmig ist, in sich schlecht und sündhaft ist. Nun ist die Vermessenheit eine Begehrungsbewegung, da sie eine ungeordnete Hoffnung bezeichnet. Zudem ist sie einem falschen Verstandesurteil gleichförmig, ebenso wie die Verzweiflung: Denn so wie es falsch ist, dass Gott dem Reuigen nicht verzeiht oder dass Er die Sünder nicht zur Buße wendet, so ist es falsch, dass Er jenen Vergebung gewährt, die in ihren Sünden verharren, und dass Er jenen die Herrlichkeit gibt, die von guten Werken ablassen; und diesem Urteil ist die Bewegung der Vermessenheit gleichförmig.
Folglich ist die Vermessenheit eine Sünde, aber weniger schwer als die Verzweiflung, da es Gott aufgrund seiner unendlichen Güte mehr eigen ist, sich zu erbarmen und zu verschonen, als zu strafen: denn ersteres ziemt Gott an sich, letzteres ziemt Ihm aufgrund unserer Sünden.
Antwort auf den 1. Einwand: Vermessenheit steht manchmal für Hoffnung, weil selbst die rechte Hoffnung, die wir auf Gott haben, Vermessenheit zu sein scheint, wenn sie nach dem Zustand des Menschen bemessen wird; doch ist sie es nicht, wenn wir auf die Unermesslichkeit der Güte Gottes blicken.
Antwort auf den 2. Einwand: Vermessenheit bezeichnet nicht übermäßige Hoffnung, als ob der Mensch zu sehr auf Gott hoffte; sondern dass der Mensch hofft, von Gott etwas zu erlangen, was Ihm nicht ziemt; was dasselbe ist, wie zu wenig auf Ihn zu hoffen, da es eine Herabwürdigung Seiner Macht impliziert, wie oben dargelegt (Art. [1], ad 1).
Antwort auf den 3. Einwand: Mit der Absicht zu sündigen, in der Sünde zu verharren und durch die Hoffnung auf Vergebung, ist vermessen, und dies vermindert die Sünde nicht, sondern vergrößert sie. Jedoch zu sündigen mit der Hoffnung, irgendwann Vergebung zu erlangen, und mit der Absicht, von der Sünde abzulassen und sie zu bereuen, ist nicht vermessen, sondern vermindert die Sünde, weil dies auf einen Willen hindeutet, der weniger in der Sünde verhärtet ist.