II-II, q. 21 a. 1
Ob die Vermessenheit auf Gott oder auf die eigene Kraft vertraut?
Quaestio 21 · Von der Vermessenheit
1. Einwand: Es scheint, dass die Vermessenheit, welche eine Sünde wider den Heiligen Geist ist, nicht auf Gott, sondern auf die eigene Kraft vertraut. Denn je geringer die Kraft ist, desto schwerer sündigt derjenige, der allzu sehr auf sie vertraut. Die Kraft des Menschen aber ist geringer als die Gottes. Also ist es eine schwerere Sünde, sich auf die menschliche Kraft zu vermessen, als auf die Kraft Gottes. Nun ist aber die Sünde wider den Heiligen Geist die schwerste. Also vertraut die Vermessenheit, die als eine Art der Sünde wider den Heiligen Geist gerechnet wird, eher auf die menschliche als auf die göttliche Kraft.
2. Einwand: Ferner gehen andere Sünden aus der Sünde wider den Heiligen Geist hervor, denn diese Sünde wird Bosheit genannt, welche eine Quelle ist, aus der Sünden entspringen. Nun scheinen aber andere Sünden eher aus jener Vermessenheit hervorzugehen, durch die der Mensch sich auf sich selbst vermisst, als aus jener, durch die er sich auf Gott vermisst; denn die Eigenliebe ist der Ursprung der Sünde, nach Augustinus (De Civ. Dei xiv, 28). Daher scheint es, dass die Vermessenheit, welche eine Sünde wider den Heiligen Geist ist, sich hauptsächlich auf die menschliche Kraft stützt.
3. Einwand: Ferner entsteht die Sünde aus der ungeordneten Hinwendung zu einem veränderlichen Gut. Nun ist die Vermessenheit eine Sünde. Also entsteht sie eher aus der Hinwendung zur menschlichen Kraft, welche ein veränderliches Gut ist, als aus der Hinwendung zur Kraft Gottes, welche ein unveränderliches Gut ist.
Dagegen spricht, dass der Mensch, so wie er durch die Verzweiflung die göttliche Barmherzigkeit verachtet, auf welche sich die Hoffnung stützt, so durch die Vermessenheit die göttliche Gerechtigkeit verachtet, welche den Sünder bestraft. Nun ist die Gerechtigkeit ebenso in Gott wie die Barmherzigkeit. Wie also die Verzweiflung in der Abwendung von Gott besteht, so besteht die Vermessenheit in einer ungeordneten Hinwendung zu Ihm.
Ich antworte darauf, dass Vermessenheit eine unmäßige Hoffnung zu implizieren scheint. Gegenstand der Hoffnung aber ist ein schwieriges mögliches Gut. Ein Ding aber ist für den Menschen auf zweifache Weise möglich: erstens durch die eigene Kraft; zweitens durch die Kraft Gottes allein. In Bezug auf beide Hoffnungen kann es aufgrund von Maßlosigkeit Vermessenheit geben.
Hinsichtlich der Hoffnung, durch die ein Mensch sich auf seine eigene Kraft stützt, liegt Vermessenheit vor, wenn er nach einem Gut strebt, als ob es ihm möglich wäre, während es seine Kräfte übersteigt, gemäß Judit 6,15: „Du demütigst jene, die sich ihrer selbst vermessen.“ Diese Vermessenheit ist der Tugend der Großherzigkeit entgegengesetzt, welche in dieser Art der Hoffnung das Maß hält.
Hinsichtlich der Hoffnung aber, durch die ein Mensch sich auf die Kraft Gottes stützt, kann es Vermessenheit durch Maßlosigkeit geben, indem ein Mensch nach einem Gut strebt, als ob es durch die Kraft und Barmherzigkeit Gottes möglich wäre, während es nicht möglich ist; zum Beispiel, wenn ein Mensch hofft, Vergebung ohne Reue oder die Herrlichkeit ohne Verdienste zu erlangen. Diese Vermessenheit ist im eigentlichen Sinne die Sünde wider den Heiligen Geist, weil nämlich der Mensch durch solches Vermessen den Beistand des Heiligen Geistes beseitigt oder verachtet, durch den er von der Sünde weggezogen wird.
Antwort auf den 1. Einwand: Wie oben dargelegt (Q. [20], Art. [3]; I-II, Q. [73], Art. [3]), ist eine Sünde, die gegen Gott gerichtet ist, ihrer Gattung nach schwerer als andere Sünden. Daher ist die Vermessenheit, durch die ein Mensch sich ungeordnet auf Gott verlässt, eine schwerere Sünde als die Vermessenheit des Vertrauens auf die eigene Kraft; denn sich auf die göttliche Macht zu verlassen, um das zu erlangen, was Gott nicht ziemt, heißt, die göttliche Macht herabzuwürdigen; und es ist offensichtlich, dass es eine schwerere Sünde ist, der göttlichen Macht Abbruch zu tun, als die eigene zu übertreiben.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Vermessenheit, durch die ein Mensch sich ungeordnet auf Gott vermisst, schließt die Eigenliebe ein, durch die er sein eigenes Gut ungeordnet liebt. Denn wenn wir eine Sache sehr begehren, denken wir, wir könnten sie leicht durch andere beschaffen, auch wenn wir es nicht können.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Vermessenheit auf Gottes Barmherzigkeit impliziert sowohl die Hinwendung zu einem veränderlichen Gut, insofern sie aus einem ungeordneten Verlangen nach dem eigenen Gut entsteht, als auch die Abwendung vom unveränderlichen Gut, insofern sie der göttlichen Macht das zuschreibt, was ihr nicht ziemt; denn auf diese Weise wendet sich der Mensch von Gottes Macht ab.