II-II, q. 21 a. 4
Ob die Vermessenheit aus der Ruhmsucht entsteht?
Quaestio 21 · Von der Vermessenheit
1. Einwand: Es scheint, dass die Vermessenheit nicht aus der Ruhmsucht entsteht. Denn die Vermessenheit scheint sich am meisten auf die göttliche Barmherzigkeit zu stützen. Nun bezieht sich Barmherzigkeit [misericordia] auf das Elend [miseriam], welches dem Ruhm entgegengesetzt ist. Also entsteht die Vermessenheit nicht aus der Ruhmsucht.
2. Einwand: Ferner ist die Vermessenheit der Verzweiflung entgegengesetzt. Nun entsteht die Verzweiflung aus der Traurigkeit, wie oben dargelegt (Q. [20], Art. [4], ad 2). Da also Gegensätze gegensätzliche Ursachen haben, scheint die Vermessenheit aus dem Vergnügen zu entstehen und folglich aus den Sünden des Fleisches, welche das einnehmendste Vergnügen bereiten.
3. Einwand: Ferner besteht das Laster der Vermessenheit darin, nach einem unmöglichen Gut zu streben, als ob es möglich wäre. Nun ist es der Unwissenheit geschuldet, dass man ein unmögliches Ding für möglich hält. Also entsteht die Vermessenheit eher aus der Unwissenheit als aus der Ruhmsucht.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. xxxi, 45), die „Vermessenheit, Neues zu wagen, ist eine Tochter der Ruhmsucht“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben (Art. [1]) dargelegt, die Vermessenheit zweifach ist; die eine, durch die ein Mensch sich auf seine eigene Kraft verlässt, wenn er etwas über seine Kraft hinaus versucht, als ob es ihm möglich wäre. Eine derartige Vermessenheit entsteht klar aus der Ruhmsucht; denn aufgrund eines großen Verlangens nach Ruhm versucht ein Mensch Dinge, die über seine Kraft gehen, und besonders Neuheiten, die größere Bewunderung hervorrufen. Daher stellt Gregor ausdrücklich fest, dass die Vermessenheit, Neues zu wagen, eine Tochter der Ruhmsucht ist.
Die andere Vermessenheit ist ein ungeordnetes Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit oder Macht, bestehend in der Hoffnung, die Herrlichkeit ohne Verdienste oder Vergebung ohne Reue zu erlangen. Eine derartige Vermessenheit scheint direkt aus dem Stolz zu entstehen, als ob der Mensch so viel von sich hielte, dass er meint, Gott würde ihn nicht bestrafen oder ihn von der Herrlichkeit ausschließen, wie sehr er auch ein Sünder sein mag.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.