II-II, q. 20 a. 1
Ob die Verzweiflung Sünde ist?
Quaestio 20 · Von der Verzweiflung
Einwand 1: Es scheint, dass die Verzweiflung keine Sünde ist. Denn jede Sünde schließt eine Hinwendung zu einem veränderlichen Gut und eine Abwendung vom unveränderlichen Gut ein, wie Augustinus feststellt (De Lib. Arb. ii, 19). Die Verzweiflung aber schließt keine Hinwendung zu einem veränderlichen Gut ein. Also ist sie keine Sünde.
Einwand 2: Ferner scheint das, was aus einer guten Wurzel wächst, keine Sünde zu sein, denn „ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen“ (Mt 7,18). Nun scheint die Verzweiflung aus einer guten Wurzel zu wachsen, nämlich aus der Furcht Gottes oder aus dem Entsetzen über die Größe der eigenen Sünden. Also ist die Verzweiflung keine Sünde.
Einwand 3: Ferner, wenn die Verzweiflung eine Sünde wäre, so wäre es auch für die Verdammten eine Sünde zu verzweifeln. Dies wird ihnen aber nicht als Schuld angerechnet, sondern als Teil ihrer Verdammnis. Daher wird es auch den Pilgern nicht als Schuld angerechnet, so dass es keine Sünde ist.
Dagegen spricht, dass das, was die Menschen zur Sünde führt, nicht nur selbst eine Sünde zu sein scheint, sondern auch eine Quelle von Sünden. Dies aber ist die Verzweiflung, denn der Apostel sagt über gewisse Menschen (Eph 4,19): „In ihrer Verzweiflung haben sie sich der Ausschweifung hingegeben, um in Gier jede Art von Unreinheit zu verüben.“ Daher ist die Verzweiflung nicht nur eine Sünde, sondern auch der Ursprung anderer Sünden.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 2) Bejahung und Verneinung im Verstand dem Streben und Meiden im Begehrungsvermögen entsprechen; Wahrheit und Falschheit im Verstand entsprechen hingegen dem Guten und Bösen im Begehrungsvermögen. Folglich ist jede begehrende Bewegung, die einem wahren Verstand entspricht, an sich gut, während jede begehrende Bewegung, die einem falschen Verstand entspricht, an sich böse und sündhaft ist. Nun ist die wahre Meinung des Verstandes über Gott die, dass von Ihm das Heil für die Menschheit und die Vergebung für die Sünder kommt, gemäß Ez 18,23: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Sünders, sondern daran, dass er sich bekehrt und lebt.“ Eine falsche Meinung hingegen ist es, dass Er dem reuigen Sünder die Vergebung verweigert oder dass Er die Sünder nicht durch heiligmachende Gnade zu sich wendet. Daher ist, so wie die Bewegung der Hoffnung, die der wahren Meinung entspricht, lobenswert und tugendhaft ist, die entgegengesetzte Bewegung der Verzweiflung, die der falschen Meinung über Gott entspricht, lasterhaft und sündhaft.
Antwort auf Einwand 1: In jeder Todsünde gibt es in gewisser Weise eine Abwendung vom unveränderlichen Gut und eine Hinwendung zu einem veränderlichen Gut, aber nicht immer auf dieselbe Weise. Da nämlich die theologischen Tugenden Gott zum Gegenstand haben, bestehen die Sünden, die ihnen entgegengesetzt sind, wie Gotteshas, Verzweiflung und Unglaube, hauptsächlich in der Abwendung vom unveränderlichen Gut; aber als Folge schließen sie die Hinwendung zu einem veränderlichen Gut ein, insofern die Seele, die von Gott abtrünnig ist, sich notwendigerweise anderen Dingen zuwenden muss. Andere Sünden hingegen bestehen hauptsächlich in der Hinwendung zu einem veränderlichen Gut und folglich in der Abwendung vom unveränderlichen Gut: denn der Unzüchtige beabsichtigt nicht, sich von Gott zu entfernen, sondern fleischliche Lust zu genießen, was zur Folge hat, dass er sich von Gott entfernt.
Antwort auf Einwand 2: Etwas kann auf zwei Weisen aus einer tugendhaften Wurzel wachsen: erstens direkt und seitens der Tugend selbst; so wie eine Handlung aus einem Habitus hervorgeht: und auf diese Weise kann keine Sünde aus einer tugendhaften Wurzel wachsen, denn in diesem Sinne erklärte Augustinus (De Lib. Arb. ii, 18,19), dass „kein Mensch von der Tugend schlechten Gebrauch macht“. Zweitens geht etwas indirekt aus einer Tugend hervor oder wird durch eine Tugend veranlasst, und auf diese Weise hindert nichts daran, dass eine Sünde aus einer Tugend hervorgeht: so brüsten sich Menschen manchmal ihrer Tugenden, gemäß Augustinus (Ep. ccxi): „Der Stolz lauert den guten Werken auf, damit sie sterben.“ Auf diese Weise können Gottesfurcht oder das Entsetzen über die eigenen Sünden zur Verzweiflung führen, insofern der Mensch von diesen guten Dingen schlechten Gebrauch macht, indem er zulässt, dass sie ein Anlass zur Verzweiflung werden.
Antwort auf Einwand 3: Die Verdammten stehen außerhalb des Bereichs der Hoffnung aufgrund der Unmöglichkeit, zur Glückseligkeit zurückzukehren: daher wird es ihnen nicht angerechnet, dass sie nicht hoffen, sondern es ist ein Teil ihrer Verdammnis. Ebenso wäre es für einen Pilger keine Sünde, an der Erlangung dessen zu verzweifeln, wozu er keine natürliche Fähigkeit besitzt oder was ihm nicht zusteht; zum Beispiel, wenn ein Arzt daran verzweifeln würde, einen Kranken zu heilen, oder wenn jemand daran verzweifeln würde, jemals reich zu werden.