II-II, q. 182 a. 4
Ob das tätige Leben dem beschaulichen vorausgehe?
Quaestio 182 · Vom tätigen Leben im Vergleich zum beschaulichen Leben
Einwand 1: Es scheint, dass das tätige Leben dem beschaulichen nicht vorausgeht. Denn das beschauliche Leben gehört direkt zur Liebe Gottes; während das tätige Leben zur Liebe des Nächsten gehört. Nun geht die Liebe Gottes der Liebe des Nächsten voraus, da wir unseren Nächsten um Gottes willen lieben. Anscheinend geht daher auch das beschauliche Leben dem tätigen Leben voraus.
Einwand 2: Ferner sagt Gregor (Hom. xiv in Ezech.): „Es ist zu beachten, dass, während ein wohlgeordnetes Leben vom Handeln zur Kontemplation fortschreitet, es manchmal für die Seele nützlich ist, sich vom beschaulichen zum tätigen Leben zu wenden.“ Daher ist das tätige nicht schlechthin früher als das beschauliche.
Einwand 3: Ferner scheint es, dass es nicht notwendigerweise eine Ordnung zwischen Dingen gibt, die für verschiedene Subjekte geeignet sind. Nun sind das tätige und das beschauliche Leben für verschiedene Subjekte geeignet; denn Gregor sagt (Moral. vi, 37): „Oft sind jene, die fähig waren, Gott zu schauen, solange sie ungestört waren, gefallen, wenn sie mit Beschäftigung bedrängt wurden; und häufig werden jene, die vorteilhaft mit dem Dienst an ihren Mitgeschöpfen beschäftigt leben könnten, durch das Schwert ihrer Untätigkeit getötet.“
Ich antworte darauf, Ein Ding wird auf zwei Weisen als vorausgehend bezeichnet. Erstens in Bezug auf seine Natur; und auf diese Weise geht das beschauliche Leben dem tätigen voraus, insofern es sich auf Dinge richtet, die vorausgehen und besser sind als andere, weshalb es das tätige Leben bewegt und leitet. Denn die höhere Vernunft, die der Kontemplation zugeordnet ist, wird mit der niederen Vernunft verglichen, die dem Handeln zugeordnet ist, und der Ehemann wird mit seiner Frau verglichen, die von ihrem Ehemann regiert werden sollte, wie Augustinus sagt (De Trin. xii, 3,7,12).
Zweitens geht ein Ding in Bezug auf uns voraus, weil es in der Ordnung der Entstehung zuerst kommt. Auf diese Weise geht das tätige dem beschaulichen Leben voraus, weil es dazu disponiert, wie oben dargelegt (Artikel [1]; Quaestio [181], Artikel [1], ad 3); und in der Ordnung der Entstehung geht die Disposition der Form voraus, obwohl letztere schlechthin und ihrer Natur nach vorausgeht.
Antwort auf Einwand 1: Das beschauliche Leben ist auf die Liebe Gottes gerichtet, nicht irgendeines Grades, sondern auf jene, die vollkommen ist; wohingegen das tätige Leben für jeden Grad der Nächstenliebe notwendig ist. Daher sagt Gregor (Hom. iii in Ezech.): „Ohne das beschauliche Leben ist es möglich, in das himmlische Königreich einzutreten, vorausgesetzt man unterlässt nicht die guten Taten, die wir tun können; aber wir können nicht hineingelangen ohne das tätige Leben, wenn wir vernachlässigen, das Gute zu tun, das wir tun können.“
Daraus ist auch ersichtlich, dass das tätige dem beschaulichen Leben vorausgeht, wie das, was allen gemeinsam ist, in der Ordnung der Entstehung dem vorausgeht, was den Vollkommenen eigen ist.
Antwort auf Einwand 2: Der Fortschritt vom tätigen zum beschaulichen Leben entspricht der Ordnung der Entstehung; wohingegen die Rückkehr vom beschaulichen Leben zum tätigen der Ordnung der Leitung entspricht, insofern das tätige Leben durch das beschauliche geleitet wird. Ebenso wird der Habitus durch Akte erworben, und durch den erworbenen Habitus handelt man noch vollkommener, wie in Ethic. ii, 7 dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Wer dazu neigt, seinen Leidenschaften nachzugeben aufgrund seines Dranges zum Handeln, ist schlechthin geeigneter für das tätige Leben wegen seines unruhigen Geistes. Daher sagt Gregor (Moral. vi, 37), dass „es einige gibt, die so unruhig sind, dass sie, wenn sie frei von Arbeit sind, umso mehr arbeiten, weil sie, je mehr Muße sie zum Denken haben, desto schlimmere innere Unruhe ertragen müssen“. Andere hingegen haben einen von Natur aus reinen und ruhigen Geist, so dass sie für die Kontemplation geeignet sind, und wenn sie sich gänzlich dem Handeln widmen würden, wäre dies für sie schädlich. Weshalb Gregor sagt (Moral. vi, 37), dass „einige so träge im Geiste sind, dass sie, wenn sie zufällig irgendeine harte Arbeit zu tun haben, gleich zu Beginn nachgeben“. Doch, wie er weiter unten hinzufügt, „oft ... stachelt die Liebe träge Seelen zur Arbeit an, und die Furcht zügelt Seelen, die in der Kontemplation gestört werden“. Folglich können jene, die mehr für das tätige Leben geeignet sind, sich durch die Übung des tätigen Lebens auf das beschauliche vorbereiten; während nichtsdestoweniger jene, die mehr für das beschauliche Leben geeignet sind, die Werke des tätigen Lebens auf sich nehmen können, um noch geeigneter für die Kontemplation zu werden.