II-II, q. 182 a. 3
Ob das beschauliche Leben durch das tätige gehindert werde?
Quaestio 182 · Vom tätigen Leben im Vergleich zum beschaulichen Leben
Einwand 1: Es scheint, dass das beschauliche Leben durch das tätige gehindert werde. Denn das beschauliche Leben erfordert eine gewisse Stille des Geistes, gemäß Ps 45,11: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin“; wohingegen das tätige Leben Unruhe mit sich bringt, gemäß Lk 10,41: „Marta, Marta, du machst dir Sorgen und Unruhe um viele Dinge.“ Daher hindert das tätige Leben das beschauliche.
Einwand 2: Ferner ist Klarheit der Sicht ein Erfordernis für das beschauliche Leben. Nun ist das tätige Leben ein Hindernis für klare Sicht; denn Gregor sagt (Hom. xiv in Ezech.), dass es „trübe Augen hat und fruchtbar ist, weil das tätige Leben, da es mit Arbeit beschäftigt ist, weniger sieht“. Daher hindert das tätige Leben das beschauliche.
Einwand 3: Ferner hindert ein Gegenteil das andere. Nun sind das tätige und das beschauliche Leben einander anscheinend entgegengesetzt, da das tätige Leben mit vielen Dingen beschäftigt ist, während das beschauliche Leben auf die Betrachtung des Einen achtet; weshalb sie sich im Gegensatz zueinander unterscheiden. Daher scheint es, dass das beschauliche Leben durch das tätige gehindert wird.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. vi, 37): „Wer die Festung der Kontemplation halten will, muss sich zuerst im Lager der Aktion üben.“
Ich antworte darauf, Das tätige Leben kann unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Erstens in Bezug auf die Aufmerksamkeit für und die Ausübung von äußeren Werken: und so ist es offensichtlich, dass das tätige Leben das beschauliche hindert, insofern es unmöglich ist, mit äußerem Handeln beschäftigt zu sein und sich gleichzeitig der göttlichen Kontemplation hinzugeben. Zweitens kann das tätige Leben betrachtet werden als Beruhigung und Lenkung der inneren Leidenschaften der Seele; und unter diesem Gesichtspunkt ist das tätige Leben eine Hilfe für das beschauliche, da letzteres durch die Ungeordnetheit der inneren Leidenschaften gehindert wird. Daher sagt Gregor (Moral. vi, 37): „Wer die Festung der Kontemplation halten will, muss sich zuerst im Lager der Aktion üben. So werden sie nach sorgfältigem Studium lernen, ob sie ihrem Nächsten kein Unrecht mehr tun, ob sie mit Gleichmut das Unrecht ertragen, das ihre Nächsten ihnen antun, ob ihre Seele weder von Freude überwältigt ist in der Gegenwart zeitlicher Güter, noch niedergeschlagen von zu großem Kummer, wenn diese Güter entzogen werden. Auf diese Weise werden sie wissen, wenn sie sich in sich selbst zurückziehen, um geistliche Dinge zu erforschen, ob sie nicht mehr die Schatten der körperlichen Dinge mit sich tragen, oder, wenn diese ihnen folgen, ob sie sie klug vertreiben.“ Daher trägt das Werk des tätigen Lebens zum beschaulichen bei, indem es die inneren Leidenschaften stillt, welche die Phantasiebilder hervorrufen, durch die die Kontemplation gehindert wird.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände; denn diese Argumente betrachten die Beschäftigung mit äußeren Handlungen selbst und nicht die Wirkung, welche die Stillung der Leidenschaften ist.