II-II, q. 182 a. 2
Ob das tätige Leben verdienstlicher sei als das beschauliche?
Quaestio 182 · Vom tätigen Leben im Vergleich zum beschaulichen Leben
Einwand 1: Es scheint, dass das tätige Leben verdienstlicher sei als das beschauliche. Denn Verdienst impliziert eine Beziehung zum Lohn; und Lohn gebührt der Arbeit, gemäß 1 Kor 3,8: „Jeder wird seinen eigenen Lohn empfangen gemäß seiner eigenen Arbeit.“ Nun wird Arbeit dem tätigen Leben zugeschrieben und Ruhe dem beschaulichen Leben; denn Gregor sagt (Hom. xiv in Ezech.): „Wer immer sich zu Gott bekehrt, muss zuerst vom Arbeitsschweiß triefen, d.h. er muss Lia nehmen, damit er danach in den Umarmungen Rachels ruhen möge, um das Prinzip zu schauen.“ Daher ist das tätige Leben verdienstlicher als das beschauliche.
Einwand 2: Ferner ist das beschauliche Leben ein Anfang der kommenden Glückseligkeit; weshalb Augustinus im Kommentar zu Joh 21,22, „So will ich, dass er bleibe, bis ich komme“, sagt (Tract. cxxiv in Joan.): „Dies kann deutlicher ausgedrückt werden: Lass vollkommene Werke mir folgen, nach dem Vorbild meines Leidens, und lass die hier begonnene Kontemplation bleiben, bis ich komme, damit sie vollendet werde, wenn ich komme.“ Und Gregor sagt (Hom. xiv in Ezech.), dass „die Kontemplation hier beginnt, um in unserer himmlischen Heimat vollendet zu werden“. Nun wird das kommende Leben kein Zustand des Verdienens sein, sondern des Empfangens des Lohnes unserer Verdienste. Daher scheint das beschauliche Leben weniger den Charakter des Verdienstes zu haben als das tätige, sondern mehr den Charakter des Lohnes.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Hom. xii in Ezech.), dass „kein Opfer Gott annehmbarer ist als der Eifer für die Seelen“. Nun wendet sich ein Mensch durch den Eifer für die Seelen den Beschäftigungen des tätigen Lebens zu. Daher scheint es, dass das beschauliche Leben nicht verdienstlicher ist als das tätige.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. vi, 37): „Groß sind die Verdienste des tätigen Lebens, aber noch größer jene des beschaulichen.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (FS, Quaestio [114], Artikel [4]), ist die Wurzel des Verdienstes die Liebe (Caritas); und da, wie oben dargelegt (Quaestio [25], Artikel [1]), die Liebe in der Liebe zu Gott und zum Nächsten besteht, ist die Liebe zu Gott an sich verdienstlicher als die Liebe zum Nächsten, wie oben dargelegt (Quaestio [27], Artikel [8]). Daher ist das, was direkter zur Liebe Gottes gehört, der Art nach verdienstlicher als das, was direkt zur Liebe des Nächsten um Gottes willen gehört. Nun gehört das beschauliche Leben direkt und unmittelbar zur Liebe Gottes; denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 19), dass „die Liebe zur“ göttlichen „Wahrheit eine heilige Muße sucht“, nämlich die des beschaulichen Lebens, denn es ist jene Wahrheit vor allem, die das beschauliche Leben sucht, wie oben dargelegt (Quaestio [181], Artikel [4], ad 2). Andererseits ist das tätige Leben direkter mit der Liebe zum Nächsten befasst, weil es „mit vielem Dienen beschäftigt“ ist (Lk 10,40). Daher ist das beschauliche Leben der Art nach von größerem Verdienst als das tätige Leben. Dies wird überdies von Gregor bekräftigt (Hom. iii in Ezech.): „Das beschauliche Leben übertrifft an Verdienst das tätige Leben, weil letzteres unter dem Druck der gegenwärtigen Arbeit leidet“, aufgrund der Notwendigkeit, dem Nächsten beizustehen, „während ersteres mit innigem Geschmack einen Vorgeschmack der kommenden Ruhe hat“, d.h. der Anschauung Gottes.
Dennoch kann es geschehen, dass ein Mensch durch die Werke des tätigen Lebens mehr verdient als ein anderer durch die Werke des beschaulichen Lebens. Zum Beispiel kann ein Mensch durch ein Übermaß an göttlicher Liebe zeitweilig die Trennung von der Süßigkeit der göttlichen Kontemplation ertragen, damit Gottes Wille geschehe und um Seiner Ehre willen. So sagt der Apostel (Röm 9,3): „Ich wünschte, selbst ein Anathema zu sein, getrennt von Christus, für meine Brüder“; welche Worte Chrysostomus wie folgt auslegt (De Compunct. i, 7 [*Ad Demetr. de Compunct. Cordis.]): „Sein Geist war so durchdrungen von der Liebe Christi, dass er, obwohl er über alles begehrte, bei Christus zu sein, sogar dies verachtete, weil er so Christus gefiel.“
Antwort auf Einwand 1: Äußere Arbeit trägt zur Vermehrung des akzidentellen Lohnes bei; aber die Vermehrung des Verdienstes in Bezug auf den wesentlichen Lohn besteht hauptsächlich in der Liebe, wovon äußere Arbeit, die um Christi willen ertragen wird, ein Zeichen ist. Doch ein viel ausdrücklicheres Zeichen davon wird gezeigt, wenn ein Mensch, indem er auf alles verzichtet, was zu diesem Leben gehört, sich daran erfreut, sich gänzlich mit der göttlichen Kontemplation zu beschäftigen.
Antwort auf Einwand 2: Im Zustand der künftigen Glückseligkeit ist der Mensch zur Vollkommenheit gelangt, weshalb es keinen Raum für Fortschritt durch Verdienst gibt; und wenn es ihn gäbe, wäre das Verdienst wirksamer aufgrund der größeren Liebe. Aber im gegenwärtigen Leben ist die Kontemplation nicht ohne eine gewisse Unvollkommenheit und kann immer vollkommener werden; weshalb sie den Begriff des Verdienstes nicht aufhebt, sondern ein noch größeres Verdienst verursacht aufgrund der Übung größerer göttlicher Liebe.
Antwort auf Einwand 3: Ein Opfer wird Gott geistigerweise dargebracht, wenn Ihm etwas angeboten wird; und von allen Gütern des Menschen nimmt Gott besonders jenes der menschlichen Seele an, wenn es Ihm als Opfer dargebracht wird. Nun soll ein Mensch Gott an erster Stelle seine eigene Seele darbringen, gemäß Sir 30,24: „Erbarme dich deiner eigenen Seele und gefalle Gott“; an zweiter Stelle die Seelen anderer, gemäß Offb 22,17: „Wer es hört, der spreche: Komm.“ Und je enger ein Mensch seine eigene oder eine andere Seele mit Gott vereint, desto annehmbarer ist sein Opfer für Gott; weshalb es Gott annehmbarer ist, dass man seine eigene Seele und die Seelen anderer der Kontemplation widmet als der Aktion. Folglich bedeutet die Aussage, dass „kein Opfer Gott annehmbarer ist als der Eifer für die Seelen“, nicht, dass das Verdienst des tätigen Lebens dem Verdienst des beschaulichen Lebens vorzuziehen sei, sondern dass es verdienstlicher ist, Gott die eigene Seele und die Seelen anderer darzubringen, als irgendwelche anderen äußeren Gaben.