II-II, q. 18 a. 2
Ob in den Seligen Hoffnung ist?
Quaestio 18 · Vom Subjekt der Hoffnung
Einwand 1: Es scheint, dass in den Seligen Hoffnung ist. Denn Christus war vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an ein vollkommener Schauender (comprehensor). Er hatte jedoch Hoffnung, da gemäß einer Glosse die Worte von Ps. 30,2: „Auf dich, o Herr, habe ich gehofft“, in seiner Person gesprochen sind. Also kann in den Seligen Hoffnung sein.
Einwand 2: Ferner, so wie die Erlangung der Glückseligkeit ein schwieriges Gut ist, so ist es auch ihre Fortdauer. Nun hoffen die Menschen, bevor sie die Glückseligkeit erlangen, diese zu erlangen. Also können sie, nachdem sie sie erlangt haben, hoffen, in ihrem Besitz fortzufahren.
Einwand 3: Ferner kann ein Mensch durch die Tugend der Hoffnung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere auf Glückseligkeit hoffen, wie oben dargelegt (Frage [17], Artikel [3]). Aber die Seligen, die im Himmel sind, hoffen auf die Glückseligkeit anderer, sonst würden sie nicht für sie beten. Also kann Hoffnung in ihnen sein.
Einwand 4: Ferner schließt die Glückseligkeit der Heiligen nicht nur die Herrlichkeit der Seele, sondern auch die Herrlichkeit des Leibes ein. Nun erwarten die Seelen der Heiligen im Himmel noch die Herrlichkeit ihrer Leiber (Offb 6,10; Augustinus, Gen. ad lit. xii, 35). Also kann in den Seligen Hoffnung sein.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Röm 8,24): „Was einer sieht, warum hofft er darauf?“ Nun genießen die Seligen die Schau Gottes. Also hat die Hoffnung keinen Platz in ihnen.
Ich antworte darauf, Wenn das, was einem Ding seine Spezies gibt, entfernt wird, wird die Spezies zerstört, und das Ding kann nicht dasselbe bleiben; so wie ein natürlicher Körper, wenn er seine Form verliert, nicht spezifisch derselbe bleibt. Nun nimmt die Hoffnung ihre Spezies von ihrem Hauptgegenstand, so wie es auch die anderen Tugenden tun, wie oben gezeigt wurde (Frage [17], Artikel [5],6; FS, Frage [54], Artikel [2]): und ihr Hauptgegenstand ist die ewige Glückseligkeit, insofern sie durch den Beistand Gottes erlangt werden kann, wie oben dargelegt (Frage [17], Artikel [2]).
Da nun das schwierige mögliche Gut nur insofern Gegenstand der Hoffnung sein kann, als es etwas Zukünftiges ist, folgt daraus, dass, wenn die Glückseligkeit nicht mehr zukünftig, sondern gegenwärtig ist, sie mit der Tugend der Hoffnung unvereinbar ist. Folglich wird die Hoffnung, wie der Glaube, im Himmel aufgehoben, und keine von beiden kann in den Seligen sein.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl Christus ein Schauender und daher selig in Bezug auf den Genuss Gottes war, war er dennoch gleichzeitig ein Pilger (viator) in Bezug auf die Leidensfähigkeit der Natur, der er noch unterworfen war. Daher war es ihm möglich, auf die Herrlichkeit der Leidensunfähigkeit und Unsterblichkeit zu hoffen, jedoch nicht gemäß der Tugend der Hoffnung, deren Hauptgegenstand nicht die Herrlichkeit des Leibes, sondern der Genuss Gottes ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Glückseligkeit der Heiligen wird ewiges Leben genannt, weil sie durch den Genuss Gottes gewissermaßen Teilhaber an Gottes Ewigkeit werden, die alle Zeit übertrifft: so dass die Fortdauer der Glückseligkeit sich nicht in Bezug auf Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft unterscheidet. Daher hoffen die Seligen nicht auf die Fortdauer ihrer Glückseligkeit (denn in dieser Hinsicht gibt es keine Zukunft), sondern sind in deren aktuellem Besitz.
Antwort auf Einwand 3: Solange die Tugend der Hoffnung andauert, hofft man durch dieselbe Hoffnung auf die eigene Glückseligkeit und auf die der anderen. Aber wenn die Hoffnung in den Seligen aufgehoben ist, wodurch sie auf ihre eigene Glückseligkeit hofften, hoffen sie zwar auf die Glückseligkeit der anderen, jedoch nicht durch die Tugend der Hoffnung, sondern vielmehr durch die Liebe der Caritas. Ebenso liebt derjenige, der die göttliche Caritas besitzt, durch dieselbe Caritas seinen Nächsten, ohne die Tugend der Caritas [erneut] zu haben, sondern durch irgendeine andere Liebe.
Antwort auf Einwand 4: Da die Hoffnung eine theologische Tugend ist, die Gott zum Gegenstand hat, ist ihr Hauptgegenstand die Herrlichkeit der Seele, die im Genuss Gottes besteht, und nicht die Herrlichkeit des Leibes. Überdies, obwohl die Herrlichkeit des Leibes im Vergleich zur menschlichen Natur etwas Schwieriges ist, so ist sie es doch nicht für einen, der die Herrlichkeit der Seele besitzt; sowohl weil die Herrlichkeit des Leibes eine sehr kleine Sache im Vergleich zur Herrlichkeit der Seele ist, als auch weil derjenige, der die Herrlichkeit der Seele besitzt, bereits die hinreichende Ursache für die Herrlichkeit des Leibes hat.