II-II, q. 175 a. 4
Ob Paulus in der Entrückung von seinen Sinnen abgezogen war?
Quaestio 175 · Von der Entrückung
Einwand 1: Es scheint, dass Paulus in der Entrückung nicht von seinen Sinnen abgezogen war. Denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. 12, 28): „Warum sollten wir nicht glauben, dass, als ein so großer Apostel, der Lehrer der Heiden, zu dieser erhabensten Schau entrückt wurde, Gott ihm einen flüchtigen Blick auf jenes ewige Leben gewähren wollte, das an die Stelle des gegenwärtigen Lebens treten soll?“ Nun werden die Heiligen in jenem zukünftigen Leben nach der Auferstehung das göttliche Wesen sehen, ohne von den Sinnen des Körpers abgezogen zu sein. Also fand auch bei Paulus kein solches Abgezogensein statt.
Einwand 2: Ferner war Christus wahrhaft ein Pilger und genoss dennoch eine ununterbrochene Schau des göttlichen Wesens, ohne jedoch von seinen Sinnen abgezogen zu sein. Also war es für Paulus nicht notwendig, von seinen Sinnen abgezogen zu sein, damit er das Wesen Gottes sehen konnte.
Einwand 3: Ferner erinnerte sich Paulus, nachdem er Gott in seinem Wesen gesehen hatte, an das, was er in jener Vision gesehen hatte; daher sagte er (2 Kor 12,4): „Er hörte geheime Worte, die auszusprechen dem Menschen nicht gestattet ist.“ Nun gehört das Gedächtnis zum sinnlichen Vermögen gemäß dem Philosophen (De Mem. et Remin. 1). Daher scheint es, dass Paulus, während er das Wesen Gottes sah, nicht von seinen Sinnen abgezogen war.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. 12, 27): „Wenn ein Mensch nicht auf irgendeine Weise aus diesem Leben scheidet, sei es, indem er ganz aus seinem Körper geht oder indem er sich abwendet und von seinen fleischlichen Sinnen abzieht, so dass er wahrhaftig nicht weiß, wie der Apostel sagte, ob er im Körper oder außerhalb des Körpers sei, so wird er nicht entrückt und in jene Vision hineingerissen.“
Ich antworte darauf, dass das göttliche Wesen vom Menschen durch kein anderes Erkenntnisvermögen als den Intellekt gesehen werden kann. Nun wendet sich der menschliche Intellekt den intelligiblen Objekten nicht zu, außer mittels der Phantasmen, die er von den Sinnen durch die intelligiblen Spezies nimmt; und indem er diese Phantasmen betrachtet, urteilt der Intellekt über sinnliche Objekte und ordnet sie. Daher muss bei jeder Operation, die eine Abstraktion des Intellekts von den Phantasmen erfordert, auch ein Abgezogensein des Intellekts von den Sinnen stattfinden. Nun ist es im Zustand des Pilgers für den Intellekt des Menschen notwendig, von den Phantasmen abgezogen zu sein, wenn er Gottes Wesen sieht. Denn Gottes Wesen kann nicht mittels eines Phantasmas gesehen werden, noch überhaupt durch irgendeine geschaffene intelligible Spezies, da Gottes Wesen nicht nur alle Körper, die durch Phantasmen repräsentiert werden, sondern auch alle intelligiblen Geschöpfe unendlich übersteigt. Wenn nun der Intellekt des Menschen zur erhabenen Schau von Gottes Wesen erhoben wird, ist es notwendig, dass die ganze Aufmerksamkeit seines Geistes zu diesem Zweck gesammelt wird, dergestalt, dass er nichts anderes durch Phantasmen versteht und gänzlich in Gott absorbiert ist. Daher ist es für den Menschen, solange er ein Pilger ist, unmöglich, Gott in seinem Wesen zu sehen, ohne von seinen Sinnen abgezogen zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt wurde (Artikel 3, Einwand 2), wird es nach der Auferstehung bei den Seligen, die Gott in seinem Wesen sehen, ein Überströmen vom Intellekt auf die niederen Kräfte und sogar auf den Körper geben. Daher entspricht es der Regel der göttlichen Schau selbst, dass die Seele sich den Phantasmen und sinnlichen Objekten zuwendet. Aber es gibt kein solches Überströmen bei denen, die entrückt sind, wie gesagt wurde (Artikel 3, Antwort auf Einwand 2), und folglich hinkt der Vergleich.
Antwort auf Einwand 2: Der Intellekt der Seele Christi war durch den Habitus des Lichtes der Herrlichkeit verherrlicht, wodurch Er das göttliche Wesen viel umfassender sah als ein Engel oder ein Mensch. Er war jedoch ein Pilger aufgrund der Leidensfähigkeit seines Körpers, in Bezug auf welchen Er „ein wenig unter die Engel erniedrigt“ wurde (Hebr 2,9), durch Fügung, und nicht aufgrund irgendeines Mangels aufseiten seines Intellekts. Daher gibt es keinen Vergleich zwischen Ihm und anderen Pilgern.
Antwort auf Einwand 3: Paulus erinnerte sich, nachdem er Gott in seinem Wesen gesehen hatte, an das, was er in jener Vision erkannt hatte, mittels gewisser intelligibler Spezies, die in seinem Intellekt nach Art eines Habitus verblieben; so wie auch bei Abwesenheit des sinnlichen Objekts gewisse Eindrücke in der Seele verbleiben, an die sie sich erinnert, wenn sie sich den Phantasmen zuwendet. Und so war dies die Erkenntnis, die er nicht gänzlich überdenken oder in Worten ausdrücken konnte.