II-II, q. 173 a. 1
Ob die Propheten das Wesen Gottes selbst schauen?
Quaestio 173 · Über die Art und Weise der prophetischen Erkenntnis
1. Einwand: Es scheint, dass die Propheten das Wesen Gottes selbst schauen; denn eine Glosse zu Jes 38,1 („Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht leben“) besagt: „Die Propheten können im Buch des göttlichen Vorherwissens lesen, in dem alle Dinge geschrieben stehen.“ Nun ist aber Gottes Vorherwissen sein Wesen selbst. Also schauen die Propheten das Wesen Gottes selbst.
2. Einwand: Ferner sagt Augustinus (De Trin. ix, 7), dass „wir in jener ewigen Wahrheit, aus der alles Zeitliche geschaffen ist, mit dem Auge des Geistes das Urbild sowohl unseres Seins als auch unserer Handlungen schauen.“ Nun haben von allen Menschen die Propheten die höchste Erkenntnis göttlicher Dinge. Deshalb schauen besonders sie das göttliche Wesen.
3. Einwand: Ferner werden zukünftige Kontingenzen von den Propheten „in unveränderlicher Wahrheit“ vorhergewusst. Nun existieren zukünftige Kontingenzen auf diese Weise allein in Gott. Also schauen die Propheten Gott selbst.
Dagegen spricht, dass die Schau des göttlichen Wesens im Himmel nicht hinfällig wird; wohingegen „die Prophetie hinfällig wird“ (1 Kor 13,8). Deshalb wird die Prophetie nicht durch eine Schau des göttlichen Wesens vermittelt.
Ich antworte darauf, dass Prophetie eine göttliche Erkenntnis bezeichnet, die gleichsam aus der Ferne besteht. Daher wird von den Propheten gesagt (Hebr 11,13), dass sie „aus der Ferne schauten“. Jene aber, die im Himmel und im Zustand der Seligkeit sind, schauen nicht wie aus der Ferne, sondern vielmehr gleichsam aus der Nähe, gemäß Ps 139,14: „Die Aufrichtigen werden vor deinem Angesicht wohnen.“ Daher ist es offensichtlich, dass sich die prophetische Erkenntnis von der vollkommenen Erkenntnis unterscheidet, die wir im Himmel haben werden, und zwar so, wie sich das Unvollkommene vom Vollkommenen unterscheidet; und wenn letzteres kommt, wird ersteres hinfällig, wie aus den Worten des Apostels hervorgeht (1 Kor 13,10).
Einige jedoch, die zwischen der prophetischen Erkenntnis und der Erkenntnis der Seligen unterscheiden wollten, haben behauptet, dass die Propheten zwar das Wesen Gottes selbst schauen (welches sie den „Spiegel der Ewigkeit“ nennen), jedoch nicht auf die Weise, wie es Gegenstand der Seligen ist, sondern insofern es die Urbilder der zukünftigen Ereignisse enthält. Dies ist jedoch gänzlich unmöglich. Denn Gott ist Gegenstand der Seligkeit in seinem Wesen selbst, gemäß dem Wort des Augustinus (Confess. v, 4): „Glücklich, wer Dich kennt, auch wenn er diese“, d.h. die Geschöpfe, „nicht kennt.“ Nun ist es nicht möglich, die Urbilder der Geschöpfe im Wesen Gottes selbst zu sehen, ohne Es selbst zu sehen; sowohl weil das göttliche Wesen selbst das Urbild aller Dinge ist, die gemacht sind – wobei das ideale Urbild dem göttlichen Wesen nichts hinzufügt außer einer Beziehung zum Geschöpf – als auch weil die Erkenntnis einer Sache in sich selbst (und von solcher Art ist die Erkenntnis Gottes als Gegenstand der himmlischen Seligkeit) der Erkenntnis jener Sache in ihrer Beziehung zu etwas anderem vorausgeht (und von solcher Art ist die Erkenntnis Gottes, insofern er die Urbilder der Dinge enthält). Folglich ist es unmöglich, dass die Propheten Gott schauen, insofern er die Urbilder der Geschöpfe enthält, und doch nicht als Gegenstand der Seligkeit. Deshalb müssen wir folgern, dass die prophetische Vision nicht die Vision des göttlichen Wesens selbst ist, und dass die Propheten die Dinge, die sie sehen, nicht im göttlichen Wesen selbst schauen, sondern dass sie diese in gewissen Bildern sehen, je nachdem sie durch das göttliche Licht erleuchtet werden.
Deshalb sagt Dionysius (Coel. Hier. iv), wenn er von prophetischen Visionen spricht, dass „der weise Theologe jene Vision göttlich nennt, die durch Bilder von Dingen ohne körperliche Form bewirkt wird, indem der Seher zu den göttlichen Dingen entrückt wird.“ Und diese durch das göttliche Licht erleuchteten Bilder haben eher die Natur eines Spiegels als das göttliche Wesen: da in einem Spiegel Bilder von anderen Dingen geformt werden, was von Gott nicht gesagt werden kann. Doch kann der so erleuchtete Geist des Propheten ein Spiegel genannt werden, insofern ein Abbild der Wahrheit des göttlichen Vorherwissens darin geformt wird; aus diesem Grund wird er „Spiegel der Ewigkeit“ genannt, da er Gottes Vorherwissen repräsentiert, denn Gott sieht in seiner Ewigkeit alle Dinge als vor Ihm gegenwärtig, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 14, Artikel 13).
Antwort auf den 1. Einwand: Man sagt, die Propheten läsen im Buch des göttlichen Vorherwissens, insofern die Wahrheit aus Gottes Vorherwissen auf den Geist des Propheten reflektiert wird.
Antwort auf den 2. Einwand: Man sagt, der Mensch sehe in der Ersten Wahrheit das Urbild seiner Existenz, insofern das Bild der Ersten Wahrheit im menschlichen Geist aufleuchtet, sodass er fähig ist, sich selbst zu erkennen.
Antwort auf den 3. Einwand: Gerade aus der Tatsache, dass zukünftige Kontingenzen in Gott gemäß unveränderlicher Wahrheit sind, folgt, dass Gott eine ähnliche Erkenntnis dem Geist des Propheten einprägen kann, ohne dass der Prophet Gott in seinem Wesen schaut.