II-II, q. 168 a. 1
Ob sich irgendeine Tugend auf die äußeren Bewegungen des Körpers bezieht?
Quaestio 168 · Von der Bescheidenheit, wie sie in den äußeren Bewegungen des Körpers besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass sich keine Tugend auf die äußeren Bewegungen des Körpers bezieht. Denn jede Tugend gehört zur geistigen Schönheit der Seele, gemäß Ps 44,14: „Alle Herrlichkeit der Königstochter ist im Innern“, und eine Glosse fügt hinzu: „nämlich im Gewissen“. Die Bewegungen des Körpers aber sind nicht im Innern, sondern außen. Also kann es keine Tugend geben, die sich mit ihnen befasst.
Einwand 2: Ferner sind „Tugenden nicht von Natur aus in uns“, wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii, 1). Die äußeren Körperbewegungen aber sind dem Menschen von Natur aus eigen, da einige von Natur aus schnell und andere langsam in der Bewegung sind, und dasselbe gilt für andere Unterschiede der äußeren Bewegungen. Also gibt es keine Tugend bezüglich Bewegungen dieser Art.
Einwand 3: Ferner bezieht sich jede moralische Tugend entweder auf Handlungen, die auf eine andere Person gerichtet sind, wie die Gerechtigkeit, oder auf Leidenschaften, wie die Mäßigung und die Tapferkeit. Nun sind äußere Körperbewegungen weder auf eine andere Person gerichtet, noch sind sie Leidenschaften. Also ist keine Tugend mit ihnen verbunden.
Einwand 4: Ferner sollte auf alle Werke der Tugend Sorgfalt verwendet werden, wie oben dargelegt wurde (Frage [166], Artikel [1], Einwand [1]; Artikel [2], zu 1). Nun ist es tadelnswert, Sorgfalt auf die Ordnung der eigenen äußeren Bewegungen zu verwenden; denn Ambrosius sagt (De Offic. i, 18): „Ein geziemender Gang ist einer, der das Auftreten von Autorität widerspiegelt, den Tritt des Ernstes und die Spur der Ruhe hat: doch so, dass weder Eifer noch gekünsteltes Wesen dabei sei, sondern eine natürliche und schlichte Bewegung.“ Daher scheint es keine Tugend bezüglich der Art der äußeren Bewegungen zu geben.
Dagegen spricht, dass die Schönheit der Ehrbarkeit [*Vgl. Frage [145], Artikel [1]] zur Tugend gehört. Nun gehört die Art der äußeren Bewegungen zur Schönheit der Ehrbarkeit. Denn Ambrosius sagt (De Offic. i, 18): „Der Klang der Stimme und die Gebärde des Körpers sind mir zuwider, seien sie nun übermäßig weich und kraftlos oder grob und bäurisch. Die Natur sei unser Vorbild; ihr Spiegelbild ist die Anmut des Betragens und die Schönheit der Ehrbarkeit.“ Also gibt es eine Tugend bezüglich der Art der äußeren Bewegung.
Ich antworte darauf, dass die moralische Tugend darin besteht, dass die Dinge, die zum Menschen gehören, durch seine Vernunft gelenkt werden. Nun ist es offenkundig, dass die äußeren Bewegungen des Menschen durch die Vernunft lenkbar sind, da die äußeren Glieder auf Befehl der Vernunft in Bewegung gesetzt werden. Daher ist es offensichtlich, dass es eine moralische Tugend gibt, die sich mit der Lenkung dieser Bewegungen befasst.
Nun kann die Lenkung dieser Bewegungen unter einem zweifachen Gesichtspunkt betrachtet werden. Erstens in Bezug auf die Angemessenheit für die Person; zweitens in Bezug auf die Angemessenheit für äußere Umstände, seien es Personen, Geschäfte oder Orte. Daher sagt Ambrosius (De Offic. i, 18): „Die Schönheit des Betragens besteht in einem geziemenden Verhalten gegenüber anderen, entsprechend ihrem Geschlecht und ihrer Person“, und dies betrifft das Erste. Zum Zweiten fügt er hinzu: „Dies ist der beste Weg, unser Verhalten zu ordnen, dies ist der Schliff, der jeder Handlung ziemt.“
Daher schreibt Andronicus [*De Affectibus] diesen äußeren Bewegungen zwei Dinge zu: nämlich „Geschmack“ [ornatus], der das betrifft, was der Person ziemt, weshalb er sagt, es sei das Wissen um das, was in Bewegung und Verhalten geziemend ist; und „Planmäßigkeit“ [bona ordinatio], die das betrifft, was dem vorliegenden Geschäft und der Umgebung ziemt, weshalb er es „das praktische Wissen der Unterscheidung“, d. h. der Unterscheidung der „Handlungen“, nennt.
Antwort auf Einwand 1: Äußere Bewegungen sind Zeichen der inneren Verfassung, gemäß Sir 19,27: „Die Kleidung des Leibes, das Lachen der Zähne und der Gang des Mannes zeigen, was er ist“; und Ambrosius sagt (De Offic. i, 18), dass „die Haltung des Geistes in der Gebärde des Körpers gesehen wird“ und dass „die Bewegung des Körpers ein Anzeiger der Seele ist“.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl ein Mensch aufgrund natürlicher Veranlagung zu dieser oder jener Art äußerer Bewegung neigt, kann dennoch das, was der Natur fehlt, durch die Bemühungen der Vernunft ergänzt werden. Daher sagt Ambrosius (De Offic. i, 18): „Lass die Natur die Bewegung leiten: und wenn die Natur in irgendeiner Hinsicht versagt, wird sicherlich die Anstrengung den Mangel beheben.“
Antwort auf Einwand 3: Wie gesagt (zu 1), sind äußere Bewegungen Hinweise auf die innere Verfassung, und dies betrifft hauptsächlich die Leidenschaften der Seele. Weshalb Ambrosius sagt (De Offic. i, 18), dass „aus diesen Dingen“, d. h. den äußeren Bewegungen, „der Mensch, der in unseren Herzen verborgen liegt, entweder als leichtfertig oder prahlerisch oder unrein oder andererseits als gesetzt, beständig, rein und frei von Makel eingeschätzt wird.“ Zudem bilden sich andere Menschen aus unseren äußeren Bewegungen ihr Urteil über uns, gemäß Sir 19,26: „Ein Mann wird an seinem Aussehen erkannt, und ein Weiser, wenn du ihm begegnest, wird an seinem Antlitz erkannt.“ Daher ist die Mäßigung der äußeren Bewegungen gewissermaßen auf andere Personen gerichtet, gemäß dem Ausspruch des Augustinus in seiner Regel (Ep. ccxi): „In all euren Bewegungen geschehe nichts, was das Auge eines anderen beleidigt, sondern nur das, was der Heiligkeit eures Standes ziemt.“ Weshalb die Mäßigung der äußeren Bewegungen auf zwei Tugenden zurückgeführt werden kann, die der Philosoph in Ethic. iv, 6,7 erwähnt. Denn insofern wir durch äußere Bewegungen auf andere Personen gerichtet sind, gehört die Mäßigung unserer äußeren Bewegungen zur „Freundlichkeit oder Affabilität“ [*Vgl. Frage [114], Artikel [1]]. Dies betrifft Lust oder Schmerz, die aus Worten oder Taten in Bezug auf andere entstehen können, mit denen ein Mensch in Kontakt kommt. Und insofern äußere Bewegungen Zeichen unserer inneren Verfassung sind, gehört ihre Mäßigung zur Tugend der Wahrhaftigkeit [*Vgl. Frage [9]], wodurch ein Mensch sich durch Wort und Tat so zeigt, wie er innerlich ist.
Antwort auf Einwand 4: Es ist tadelnswert, die Art der eigenen äußeren Bewegungen zu studieren, indem man dabei Zuflucht zur Verstellung nimmt, sodass sie nicht mit der eigenen inneren Verfassung übereinstimmen. Dennoch geziemt es sich, sie zu studieren, damit, falls sie in irgendeiner Weise ungeordnet sind, dies korrigiert werde. Daher sagt Ambrosius (De Offic. i, 18): „Lasst sie ohne Künstelei sein, aber nicht ohne Korrektur.“