II-II, q. 163 a. 3
Ob die Sünde unserer Stammeltern schwerer war als andere Sünden?
Quaestio 163 · Von der Sünde des ersten Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass die Sünde unserer Stammeltern schwerer war als andere Sünden. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 15): „Groß war die Bosheit beim Sündigen, wo es so leicht war, die Sünde zu vermeiden.“ Nun war es für unsere Stammeltern sehr leicht, die Sünde zu vermeiden, weil sie nichts in sich hatten, was sie zur Sünde drängte. Also war die Sünde unserer Stammeltern schwerer als andere Sünden.
Einwand 2: Ferner ist die Strafe der Schuld angemessen. Nun wurde die Sünde unserer Stammeltern am strengsten bestraft, da durch sie „der Tod in diese Welt gekommen ist“, wie der Apostel sagt (Röm 5,12). Also war jene Sünde schwerer als andere Sünden.
Einwand 3: Ferner ist das Erste in jeder Gattung scheinbar das Größte (Metaph. ii, 4 [*Ed. Diel. i, 1]). Nun war die Sünde unserer Stammeltern die erste unter den Sünden der Menschen. Also war sie die größte.
Dagegen spricht, dass Origenes sagt [*Peri Archon i, 3]: „Ich denke, dass ein Mensch, der auf der höchsten Stufe der Vollkommenheit steht, nicht plötzlich versagen oder fallen kann: dies kann nur stufenweise und nach und nach geschehen.“ Nun waren unsere Stammeltern auf der höchsten und vollkommenen Stufe eingesetzt. Also war ihre erste Sünde nicht die größte aller Sünden.
Ich antworte darauf, dass bei der Sünde eine doppelte Schwere zu beachten ist. Die eine ergibt sich aus der Spezies der Sünde selbst: so sagen wir, dass Ehebruch eine schwerere Sünde ist als einfache Unzucht. Die andere Schwere der Sünde ergibt sich aus einem Umstand des Ortes, der Person oder der Zeit. Die erstere Schwere ist der Sünde wesentlicher und von größerem Gewicht: daher wird eine Sünde eher in Bezug auf diese Schwere als auf die andere als schwer bezeichnet. Dementsprechend müssen wir sagen, dass die Sünde des ersten Menschen hinsichtlich der Spezies der Sünde nicht schwerer war als alle anderen Sünden der Menschen. Denn obwohl der Hochmut seiner Gattung nach einen gewissen Vorrang vor anderen Sünden hat, ist doch der Hochmut, durch den man Gott leugnet oder lästert, größer als der Hochmut, durch den man die Ähnlichkeit mit Gott in ungeordneter Weise begehrt, wie es der Hochmut unserer Stammeltern war, wie dargelegt (Artikel [2]).
Wenn wir jedoch die Umstände der Personen betrachten, die sündigten, so war jene Sünde aufgrund der Vollkommenheit ihres Standes am schwersten. Wir müssen dementsprechend schließen, dass diese Sünde relativ am schwersten war, aber nicht schlechthin.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet die Schwere der Sünde, wie sie sich aus der Person des Sünders ergibt.
Antwort auf Einwand 2: Die Strenge der Strafe, die für jene erste Sünde verhängt wurde, entspricht der Größe der Sünde, nicht hinsichtlich ihrer Spezies, sondern hinsichtlich ihrer Eigenschaft als erste Sünde: weil sie die Unschuld unseres ursprünglichen Zustandes zerstörte und durch den Raub der Unschuld Unordnung über die gesamte menschliche Natur brachte.
Antwort auf Einwand 3: Wo Dinge direkt untergeordnet sind, muss das Erste notwendigerweise das Größte sein. Eine solche Ordnung besteht nicht unter den Sünden, denn eine folgt der anderen akzidentell. Und so folgt nicht, dass die erste Sünde die größte ist.