II-II, q. 163 a. 2
Ob der Hochmut des ersten Menschen darin bestand, dass er die Ähnlichkeit mit Gott begehrte?
Quaestio 163 · Von der Sünde des ersten Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass der Hochmut des ersten Menschen nicht darin bestand, dass er die göttliche Ähnlichkeit begehrte. Denn niemand sündigt dadurch, dass er das begehrt, was ihm gemäß seiner Natur zukommt. Nun kommt die Ähnlichkeit mit Gott dem Menschen gemäß seiner Natur zu; denn es steht geschrieben (Gen 1,26): „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis.“ Also sündigte er nicht dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott begehrte.
Einwand 2: Ferner scheint es, dass der Mensch die Ähnlichkeit mit Gott begehrte, um Erkenntnis von Gut und Böse zu erlangen; denn dies war die Anregung der Schlange: „Ihr werdet sein wie Götter und Gutes und Böses wissen.“ Nun ist das Verlangen nach Wissen dem Menschen natürlich, gemäß dem Ausspruch des Philosophen am Anfang seiner Metaphysik (i, 1): „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ Also sündigte er nicht dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott begehrte.
Einwand 3: Ferner wählt kein Weiser das Unmögliche. Nun war der erste Mensch mit Weisheit begabt, gemäß Sir 17,5: „Er erfüllte sie mit dem Wissen des Verstandes.“ Da also jede Sünde in einem überlegten Akt des Begehrens, nämlich der Wahl, besteht, scheint es, dass der erste Mensch nicht dadurch sündigte, dass er etwas Unmögliches begehrte. Aber es ist für den Menschen unmöglich, Gott gleich zu sein, gemäß dem Wort aus Ex 15,11: „Wer ist dir gleich unter den Starken, o Herr?“ Also sündigte der erste Mensch nicht dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott begehrte.
Dagegen spricht, dass Augustinus im Kommentar zu Ps 68,5 [*Enarr. in Ps. 68] („Da habe ich zurückerstattet [Vulgata: 'bezahlt'], was ich nicht geraubt habe“) sagt: „Adam und Eva wollten der Gottheit etwas rauben, und sie verloren die Glückseligkeit.“
Ich antworte darauf, dass Ähnlichkeit zweifach ist. Die eine ist eine Ähnlichkeit der absoluten Gleichheit [*Vgl. FP, Frage [93], Artikel [1]]: und eine solche Ähnlichkeit mit Gott begehrten unsere Stammeltern nicht, da eine solche Ähnlichkeit mit Gott für den Verstand, besonders eines Weisen, nicht denkbar ist.
Die andere ist eine Ähnlichkeit der Nachahmung, wie sie für ein Geschöpf in Bezug auf Gott möglich ist, insofern das Geschöpf gewissermaßen an der Ähnlichkeit Gottes gemäß seinem Maß teilhat. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. ix): „Dieselben Dinge sind Gott ähnlich und unähnlich; ähnlich, insofern sie Ihn nachahmen, soweit Er nachgeahmt werden kann; unähnlich, insofern eine Wirkung hinter ihrer Ursache zurückbleibt.“ Nun ist jedes in einem Geschöpf existierende Gut eine teilhabende Ähnlichkeit des ersten Gutes.
Daher folgt aus der Tatsache, dass der Mensch ein geistiges Gut über sein Maß hinaus begehrte, wie im vorangehenden Artikel dargelegt, dass er die Ähnlichkeit mit Gott in ungeordneter Weise begehrte.
Es muss jedoch beachtet werden, dass der eigentliche Gegenstand des Begehrens eine Sache ist, die man nicht besitzt. Nun kann das geistige Gut, insofern das vernunftbegabte Geschöpf an der göttlichen Ähnlichkeit teilhat, in Bezug auf drei Dinge betrachtet werden. Erstens hinsichtlich des natürlichen Seins: und diese Ähnlichkeit war von Anfang ihrer Erschaffung an eingeprägt, sowohl beim Menschen – von dem geschrieben steht (Gen 1,26), dass Gott den Menschen „nach Seinem Bild und Gleichnis“ machte – als auch beim Engel, von dem geschrieben steht (Ez 28,12): „Du warst das Siegel der Ähnlichkeit.“ Zweitens hinsichtlich der Erkenntnis: und diese Ähnlichkeit wurde dem Engel bei seiner Erschaffung verliehen, weshalb wir unmittelbar nach den zitierten Worten „Du warst das Siegel der Ähnlichkeit“ lesen: „Voller Weisheit.“ Aber der erste Mensch hatte bei seiner Erschaffung diese Ähnlichkeit noch nicht aktuell, sondern nur der Möglichkeit nach empfangen. Drittens hinsichtlich der Kraft des Wirkens: und weder Engel noch Mensch empfingen diese Ähnlichkeit aktuell ganz zu Beginn ihrer Erschaffung, weil für jeden noch etwas zu tun übrig blieb, wodurch er die Glückseligkeit erlangen sollte.
Demnach begehrten zwar beide (nämlich der Teufel und der erste Mensch) die Ähnlichkeit mit Gott in ungeordneter Weise, doch sündigte keiner von ihnen dadurch, dass er eine Ähnlichkeit der Natur begehrte. Aber der erste Mensch sündigte hauptsächlich dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott hinsichtlich des „Wissens von Gut und Böse“ begehrte, gemäß der Anstiftung der Schlange, nämlich dass er durch seine eigene natürliche Kraft entscheiden könnte, was gut und was böse für ihn zu tun sei; oder auch, dass er von sich aus vorherwissen sollte, welches Gute und welches Böse ihm widerfahren würde. Zweitrangig sündigte er dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott hinsichtlich seiner eigenen Wirkkraft begehrte, nämlich dass er durch seine eigene natürliche Kraft so handeln könnte, dass er die Glückseligkeit erlangte. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. xi, 30), dass „der Geist der Frau von der Liebe zu ihrer eigenen Macht erfüllt war“. Andererseits sündigte der Teufel dadurch, dass er die Ähnlichkeit mit Gott hinsichtlich der Macht begehrte. Weshalb Augustinus sagt (De Vera Relig. 13), dass „er seine eigene Macht mehr genießen wollte als die Gottes“. Dennoch begehrten beide gewissermaßen, Gott gleich zu sein, insofern jeder sich auf sich selbst verlassen wollte unter Missachtung der Ordnung der göttlichen Regel.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet die Ähnlichkeit der Natur: und der Mensch sündigte nicht dadurch, dass er diese begehrte, wie dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Es ist keine Sünde, die Ähnlichkeit mit Gott hinsichtlich des Wissens schlechthin zu begehren; aber diese Ähnlichkeit in ungeordneter Weise zu begehren, das heißt über das eigene Maß hinaus, das ist eine Sünde. Daher sagt Augustinus im Kommentar zu Ps 70,19 („O Gott, wer ist dir gleich?“): „Wer aus sich selbst sein will, so wie Gott von niemandem ist, der will auf frevlerische Weise Gott gleich sein. So tat es der Teufel, der Ihm nicht unterworfen sein wollte, und der Mensch, der sich weigerte, als Diener durch Sein Gebot gebunden zu sein.“
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet die Ähnlichkeit der Gleichheit.