II-II, q. 155 a. 4
Ob die Enthaltsamkeit vorzüglicher ist als die Mäßigkeit?
Quaestio 155 · Von der Enthaltsamkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Enthaltsamkeit vorzüglicher ist als die Mäßigkeit. Denn es steht geschrieben (Sir. 26,20): „Kein Preis ist einer enthaltsamen Seele wert.“ Also kann keine Tugend der Enthaltsamkeit gleichgestellt werden.
Einwand 2: Ferner: Je größer den Lohn ist, den eine Tugend verdient, desto größer ist die Tugend. Nun scheint die Enthaltsamkeit den größeren Lohn zu verdienen; denn es steht geschrieben (2 Tim. 2,5): „Er ... wird nicht gekrönt, wenn er nicht rechtmäßig kämpft“, und der enthaltsame Mensch, da er heftigen bösen Begierden unterworfen ist, kämpft mehr als der mäßige Mensch, in dem diese Dinge nicht heftig sind. Also ist die Enthaltsamkeit eine größere Tugend als die Mäßigkeit.
Einwand 3: Ferner ist der Wille ein vorzüglicheres Vermögen als das Begehrliche. Aber die Enthaltsamkeit ist im Willen, wohingegen die Mäßigkeit im Begehrlichen ist, wie oben gesagt (Artikel [3]). Also ist die Enthaltsamkeit eine größere Tugend als die Mäßigkeit.
Dagegen spricht, dass Cicero (De Invent. Rhet. ii, 54) und Andronicus [*De Affectibus] die Enthaltsamkeit der Mäßigkeit als einer Haupttugend angegliedert rechnen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), die Enthaltsamkeit eine zweifache Bedeutung hat. Auf eine Weise bezeichnet sie das Aufhören aller geschlechtlichen Genüsse; und wenn Enthaltsamkeit in diesem Sinne genommen wird, ist sie größer als die Mäßigkeit schlechthin betrachtet, wie aus dem entnommen werden kann, was wir oben (Quaestio [152], Artikel [5]) über den Vorrang der Jungfräulichkeit vor der Keuschheit schlechthin betrachtet gesagt haben. Auf eine andere Weise kann Enthaltsamkeit so genommen werden, dass sie den Widerstand der Vernunft gegen böse Begierden bezeichnet, wenn diese in einem Menschen heftig sind: und in diesem Sinne ist die Mäßigkeit weit größer als die Enthaltsamkeit, weil das Gute einer Tugend sein Lob von dem herleitet, was in Übereinstimmung mit der Vernunft ist. Nun blüht das Gute der Vernunft mehr im mäßigen Menschen als im enthaltsamen Menschen, weil im ersteren sogar das sinnliche Begehren der Vernunft gehorsam ist, da es sozusagen durch die Vernunft gezähmt ist, wohingegen im enthaltsamen Menschen das sinnliche Begehren der Vernunft durch seine bösen Begierden stark widersteht. Daher wird die Enthaltsamkeit mit der Mäßigkeit verglichen wie das Unvollkommene mit dem Vollkommenen.
Zu Einwand 1: Die zitierte Stelle kann auf zwei Weisen verstanden werden. Erstens in Bezug auf den Sinn, in dem Enthaltsamkeit die Enthaltung von allen geschlechtlichen Dingen bezeichnet: und so bedeutet es, dass „kein Preis einer enthaltsamen Seele wert ist“, in der Gattung der Keuschheit die Fruchtbarkeit des Fleisches, die der Zweck der Ehe ist, der Enthaltsamkeit der Jungfräulichkeit oder des Witwenstandes gleichkommt, wie oben gesagt (Quaestio [152], Artikel [4],5). Zweitens kann es verstanden werden in Bezug auf den allgemeinen Sinn, in dem Enthaltsamkeit jede Enthaltung von unerlaubten Dingen bezeichnet: und so bedeutet es, dass „kein Preis einer enthaltsamen Seele wert ist“, weil ihr Wert nicht mit Gold oder Silber gemessen wird, welche nach Gewicht schätzbar sind.
Zu Einwand 2: Die Stärke oder Schwäche der Begierlichkeit kann aus zwei Ursachen hervorgehen. Denn manchmal ist sie einer körperlichen Ursache geschuldet: weil einige Menschen durch ihre natürliche Temperamentsbeschaffenheit geneigter zur Begierlichkeit sind als andere; und wiederum sind Gelegenheiten zum Vergnügen, welche die Begierlichkeit entflammen, für einige Menschen näher zur Hand als für andere. Eine solche Schwäche der Begierlichkeit vermindert das Verdienst, wohingegen Stärke der Begierlichkeit es vermehrt. Andererseits entsteht Schwäche oder Stärke der Begierlichkeit aus einer lobenswerten geistigen Ursache, zum Beispiel der Heftigkeit der Liebe [caritas] oder der Stärke der Vernunft, wie im Falle eines mäßigen Menschen. Auf diese Weise vermehrt Schwäche der Begierlichkeit aufgrund ihrer Ursache das Verdienst, wohingegen Stärke der Begierlichkeit es vermindert.
Zu Einwand 3: Der Wille ist der Vernunft verwandter als das Begehrungsvermögen. Daher erweist sich das Gut der Vernunft – aufgrund dessen die Tugend gelobt wird, durch die bloße Tatsache, dass es nicht nur bis zum Willen, sondern auch bis zum Begehrungsvermögen reicht, wie es im mäßigen Menschen geschieht – als größer, als wenn es nur bis zum Willen reicht, wie im Falle dessen, der enthaltsam ist.