II-II, q. 155 a. 1
Ob die Enthaltsamkeit eine Tugend ist?
Quaestio 155 · Von der Enthaltsamkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Enthaltsamkeit keine Tugend ist. Denn Art und Gattung sind nicht nebengeordnete Glieder derselben Einteilung. Die Enthaltsamkeit wird aber der Tugend beigeordnet, nach dem Philosophen (Ethic. vii, 1,9). Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
Einwand 2: Ferner sündigt niemand durch den Gebrauch einer Tugend, da nach Augustinus (De Lib. Arb. ii, 18,19) „die Tugend etwas ist, dessen niemand schlecht gebraucht“. Man kann aber sündigen, indem man sich enthält: zum Beispiel, wenn jemand begehrt, ein Gutes zu tun, und sich davon enthält, es zu tun. Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
Einwand 3: Ferner zieht keine Tugend den Menschen von dem ab, was erlaubt ist, sondern nur von unerlaubten Dingen: denn eine Glosse zu Gal. 5,23 („Glaube, Sanftmut“ etc.) besagt, dass sich ein Mensch durch Enthaltsamkeit sogar von Dingen enthält, die erlaubt sind. Also ist die Enthaltsamkeit keine Tugend.
Dagegen spricht, dass jeder lobenswerte Habitus eine Tugend zu sein scheint. Ein solcher ist aber die Enthaltsamkeit, denn Andronicus sagt [*De Affectibus], dass „Enthaltsamkeit ein von der Lust unbesiegter Habitus ist“. Also ist die Enthaltsamkeit eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass das Wort „Enthaltsamkeit“ von verschiedenen auf zweifache Weise genommen wird. Denn einige verstehen unter Enthaltsamkeit die Enthaltung von aller geschlechtlichen Lust: so verbindet der Apostel die Enthaltsamkeit mit der Keuschheit (Gal. 5,23). In diesem Sinne ist die vollkommene Enthaltsamkeit an erster Stelle die Jungfräulichkeit und an zweiter Stelle der Witwenstand. Daher gilt für die so verstandene Enthaltsamkeit dasselbe wie für die Jungfräulichkeit, von der wir oben (Quaestio [152], Artikel [3]) festgestellt haben, dass sie eine Tugend ist. Andere jedoch verstehen unter Enthaltsamkeit dasjenige, wodurch ein Mensch bösen Begierden widersteht, die in ihm heftig sind. In diesem Sinne nimmt der Philosoph die Enthaltsamkeit (Ethic. vii, 7), und so wird sie auch in den Unterredungen der Väter (Collat. xii, 10,11) gebraucht. Auf diese Weise hat die Enthaltsamkeit etwas von der Natur einer Tugend, insofern nämlich die Vernunft fest im Gegensatz zu den Leidenschaften steht, damit sie nicht von ihnen in die Irre geführt werde: doch erreicht sie nicht die vollkommene Natur einer sittlichen Tugend, durch welche sogar das sinnliche Begehren der Vernunft unterworfen ist, so dass heftige, der Vernunft widersprechende Leidenschaften im sinnlichen Begehren gar nicht erst aufkommen. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 9), dass „die Enthaltsamkeit keine Tugend ist, sondern etwas Gemischtes“, insofern sie etwas von der Tugend hat und etwas hinter der Tugend zurückbleibt.
Wenn wir jedoch Tugend in einem weiten Sinne für jedes Prinzip lobenswerter Handlungen nehmen, können wir sagen, dass die Enthaltsamkeit eine Tugend ist.
Zu Einwand 1: Der Philosoph schließt die Enthaltsamkeit in dieselbe Einteilung mit der Tugend ein, insofern erstere hinter der Tugend zurückbleibt.
Zu Einwand 2: Eigentlich gesprochen ist der Mensch das, was der Vernunft gemäß ist. Daher wird gesagt, dass ein Mensch sich enthält, allein aus der Tatsache, dass er an dem festhält [tenet se], was in Übereinstimmung mit der Vernunft ist. Was aber zur Perversion der Vernunft gehört, ist nicht gemäß der Vernunft. Daher wird nur derjenige wahrhaft als enthaltsam bezeichnet, der zu dem steht, was in Übereinstimmung mit der rechten Vernunft ist, und nicht zu dem, was in Übereinstimmung mit der perversen Vernunft ist. Nun sind böse Begierden der rechten Vernunft entgegengesetzt, so wie gute Begierden der perversen Vernunft entgegengesetzt sind. Daher ist derjenige eigentlich und wahrhaft enthaltsam, der an der rechten Vernunft festhält, indem er sich von bösen Begierden enthält, und nicht derjenige, der an der perversen Vernunft festhält, indem er sich von guten Begierden enthält: letzterer sollte vielmehr als verstockt im Bösen bezeichnet werden.
Zu Einwand 3: Die zitierte Glosse nimmt Enthaltsamkeit im ersten Sinne, als Bezeichnung einer vollkommenen Tugend, die sich nicht bloß von unerlaubten Gütern enthält, sondern auch von gewissen erlaubten Dingen, die geringere Güter sind, um ihre ganze Aufmerksamkeit den vollkommeneren Gütern zu widmen.