II-II, q. 155 a. 2
Ob die Begierden nach Tastgenüssen die Materie der Enthaltsamkeit sind?
Quaestio 155 · Von der Enthaltsamkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Begierden nach Tastgenüssen nicht die Materie der Enthaltsamkeit sind. Denn Ambrosius sagt (De Offic. i, 46): „Der allgemeine Anstand wird durch seine beständige Form und die Vollkommenheit dessen, was tugendhaft ist, in jeder seiner Handlungen zusammengehalten* [bzw. ist enthaltsam].“ [*"Continentem" gemäß der Lesart des hl. Thomas; St. Ambrosius schrieb "concinentem" = harmonisch].
Einwand 2: Ferner nimmt die Enthaltsamkeit ihren Namen davon her, dass ein Mensch für das Gut der rechten Vernunft einsteht, wie oben gesagt (Artikel [1], zu 2). Nun führen andere Leidenschaften die Menschen mit größerer Heftigkeit von der rechten Vernunft in die Irre als die Begierde nach Tastgenüssen: zum Beispiel die Furcht vor tödlichen Gefahren, die einen Menschen betäubt, und der Zorn, der ihn sich wie einen Wahnsinnigen benehmen lässt, wie Seneca bemerkt [*De Ira i, 1]. Also bezieht sich die Enthaltsamkeit nicht eigentlich auf die Begierden nach Tastgenüssen.
Einwand 3: Ferner sagt Cicero (De Invent. Rhet. ii, 54): „Es ist die Enthaltsamkeit, welche die Begierde mit der leitenden Hand des Rates zügelt.“ Nun wird Begierde [cupiditas] allgemein eher verwendet, um das Verlangen nach Reichtümern zu bezeichnen als das Verlangen nach Tastgenüssen, gemäß 1 Tim. 6,10: „Die Habsucht [Douay: 'Das Verlangen nach Geld'] ({philargyria}) ist die Wurzel aller Übel.“ Also handelt die Enthaltsamkeit nicht eigentlich von den Begierden nach Tastgenüssen.
Einwand 4: Ferner gibt es Tastgenüsse nicht nur in geschlechtlichen Dingen, sondern auch beim Essen. Aber Enthaltsamkeit wird gewöhnlich nur auf den Gebrauch geschlechtlicher Dinge angewandt. Also ist die Begierde nach Tastgenüssen nicht ihre eigentliche Materie.
Einwand 5: Ferner sind unter den Tastgenüssen einige nicht menschlich, sondern tierisch, sowohl was die Nahrung betrifft – zum Beispiel die Lust, Menschenfleisch zu essen; als auch was geschlechtliche Dinge betrifft – zum Beispiel der Missbrauch von Tieren oder Knaben. Aber die Enthaltsamkeit handelt nicht von dergleichen Dingen, wie in Ethic. vii, 5 gesagt wird. Also sind Begierden nach Tastgenüssen nicht die eigentliche Materie der Enthaltsamkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vii, 4), dass „Enthaltsamkeit und Unenthaltsamkeit sich auf dieselben Dinge beziehen wie Mäßigkeit und Unmäßigkeit“. Nun beziehen sich Mäßigkeit und Unmäßigkeit auf die Begierden nach Tastgenüssen, wie oben gesagt (Quaestio [141], Artikel [4]). Also beziehen sich auch Enthaltsamkeit und Unenthaltsamkeit auf dieselbe Materie.
Ich antworte darauf, dass Enthaltsamkeit schon dem Namen nach eine gewisse Zügelung bezeichnet, insofern ein Mensch sich davon zurückhält [continet], seinen Leidenschaften zu folgen. Daher wird Enthaltsamkeit eigentlich in Bezug auf jene Leidenschaften ausgesagt, die einen Menschen zur Verfolgung von etwas drängen, worin es lobenswert ist, dass die Vernunft den Menschen vom Verfolgen abhält: wohingegen sie nicht eigentlich von jenen Leidenschaften handelt, wie Furcht und dergleichen, die eine Art von Rückzug bezeichnen: da es in diesen lobenswert ist, fest im Verfolgen dessen zu bleiben, was die Vernunft diktiert, wie oben gesagt (Quaestio [123], Artikel [3],4). Nun ist zu beachten, dass die natürlichen Neigungen die Prinzipien aller hinzukommenden Neigungen sind, wie oben gesagt (FP, Quaestio [60], Artikel [2]). Je mehr sie daher der Neigung der Natur folgen, desto stärker drängen die Leidenschaften zur Verfolgung eines Objekts. Nun neigt die Natur hauptsächlich zu jenen Dingen, die für sie notwendig sind, sei es zur Erhaltung des Individuums, wie Nahrung, oder zur Erhaltung der Art, wie geschlechtliche Akte, deren Genüsse zum Tastsinn gehören. Deshalb beziehen sich Enthaltsamkeit und Unenthaltsamkeit eigentlich auf Begierden nach Tastgenüssen.
Zu Einwand 1: So wie Mäßigkeit in einem allgemeinen Sinne in Verbindung mit jeder Materie gebraucht werden kann, aber eigentlich auf jene Materie angewandt wird, in der es für den Menschen am besten ist, gezügelt zu werden: so betrachtet auch die Enthaltsamkeit eigentlich gesprochen jene Materie, in der es am besten und schwierigsten ist, sich zu enthalten, nämlich Begierden nach Tastgenüssen, und doch kann sie in einem allgemeinen Sinne und beziehungsweise auf jede andere Materie angewandt werden: und in diesem Sinne spricht Ambrosius von der Enthaltsamkeit.
Zu Einwand 2: Eigentlich gesprochen sprechen wir nicht von Enthaltsamkeit in Bezug auf Furcht, sondern eher von Festigkeit des Geistes, welche die Tapferkeit impliziert. Was den Zorn betrifft, so ist es wahr, dass er einen Impuls zur Verfolgung von etwas erzeugt, aber dieser Impuls folgt eher einer Auffassung der Seele – insofern ein Mensch auffasst, dass jemand ihn verletzt hat – als einer Neigung der Natur. Daher kann man von einem Menschen sagen, er sei enthaltsam im Zorn, beziehungsweise, aber nicht schlechthin.
Zu Einwand 3: Äußere Güter, wie Ehren, Reichtümer und dergleichen, scheinen, wie der Philosoph sagt (Ethic. vii, 4), zwar an sich Gegenstände der Wahl zu sein, aber nicht als notwendig für die Erhaltung der Natur. Daher sprechen wir in Bezug auf solche Dinge von einer Person als enthaltsam oder unenthaltsam nicht schlechthin, sondern beziehungsweise, indem wir hinzufügen, dass sie enthaltsam oder unenthaltsam in Bezug auf Reichtum oder Ehre und so weiter sind. Daher verstand Cicero Enthaltsamkeit entweder in einem allgemeinen Sinne, als die relative Enthaltsamkeit einschließend, oder er verstand Begierde [cupiditas] in einem eingeschränkten Sinne als Bezeichnung für das Verlangen nach Tastgenüssen.
Zu Einwand 4: Geschlechtliche Genüsse sind heftiger als Genüsse des Gaumens: daher pflegen wir von Enthaltsamkeit und Unenthaltsamkeit eher in Bezug auf geschlechtliche Dinge zu sprechen als in Bezug auf Nahrung; obwohl sie nach dem Philosophen auf beides anwendbar sind.
Zu Einwand 5: Enthaltsamkeit ist ein Gut der menschlichen Vernunft: daher betrachtet sie jene Leidenschaften, die dem Menschen konnatural sein können. Daher sagt der Philosoph (Ethic. vii, 5), dass „wenn ein Mensch ein Kind ergreifen würde mit dem Verlangen, es zu essen oder eine widernatürliche Leidenschaft zu befriedigen, ob er nun seinem Verlangen folgt oder nicht, er enthaltsam genannt wird [*Siehe Artikel [4]], nicht absolut, sondern beziehungsweise.“