II-II, q. 151 a. 3
Ob die Keuschheit eine von der Abstinenz verschiedene Tugend ist?
Quaestio 151 · Von der Keuschheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Keuschheit keine von der Abstinenz verschiedene Tugend ist. Denn wo die Materie der Gattung nach dieselbe ist, genügt eine Tugend. Nun scheinen Dinge, die zum selben Sinn gehören, von einer Gattung zu sein. Da also die Lüste des Gaumens, welche die Materie der Abstinenz sind, und die geschlechtlichen Lüste, welche die Materie der Keuschheit sind, zum Tastsinn gehören, scheint es, dass die Keuschheit keine von der Abstinenz verschiedene Tugend ist.
Einwand 2: Ferner vergleicht der Philosoph (Ethic. III, 12) alle Laster der Unmäßigkeit mit kindischen Sünden, die der Züchtigung bedürfen. Nun leitet sich „Keuschheit“ von der „Züchtigung“ der entgegengesetzten Laster ab. Da also gewisse Laster durch die Abstinenz gezügelt werden, scheint es, dass Abstinenz Keuschheit ist.
Einwand 3: Ferner sind die Lüste der anderen Sinne Sache der Mäßigkeit, insofern sie sich auf die Lüste des Tastsinns beziehen, welche die Materie der Mäßigkeit sind. Nun sind die Lüste des Gaumens, welche die Materie der Abstinenz sind, auf die geschlechtlichen Lüste hingeordnet, welche die Materie der Keuschheit sind; weshalb Hieronymus (Ep. cxlvii ad Amand.; vgl. Gratian, Dist. XLIV) im Kommentar zu Titus 1,7 („nicht dem Wein ergeben, kein Schläger“ usw.) sagt: „Der Bauch und die Zeugungsorgane sind Nachbarn, damit die Nachbarschaft der Organe ihre Mitschuld am Laster anzeige.“ Also sind Abstinenz und Keuschheit keine verschiedenen Tugenden.
Dagegen spricht, dass der Apostel (2 Kor. 6,5.6) die „Keuschheit“ zusammen mit dem „Fasten“ aufzählt, welches zur Abstinenz gehört.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Frage 141, Artikel 4), die Mäßigkeit eigentlich die Begierden der Lüste des Tastsinns betrifft: so dass dort, wo es verschiedene Arten von Lust gibt, verschiedene Tugenden unter der Mäßigkeit begriffen sind. Nun sind die Lüste den Handlungen proportional, deren Vollkommenheiten sie sind, wie in Ethic. IX, 4.5 dargelegt wird: und es ist offensichtlich, dass Handlungen, die mit dem Gebrauch von Nahrung verbunden sind, wodurch die Natur des Individuums erhalten wird, sich der Gattung nach von Handlungen unterscheiden, die mit dem Gebrauch geschlechtlicher Dinge verbunden sind, wodurch die Natur der Art erhalten wird. Daher ist die Keuschheit, die sich auf geschlechtliche Lüste bezieht, eine von der Abstinenz, die sich auf die Lüste des Gaumens bezieht, verschiedene Tugend.
Antwort auf Einwand 1: Die Mäßigkeit bezieht sich hauptsächlich auf die Lüste des Tastsinns, nicht hinsichtlich des Urteils des Sinnes über die Objekte des Tastsinns – welches Urteil hinsichtlich aller solcher Objekte von einheitlichem Charakter ist –, sondern hinsichtlich des Gebrauchs dieser Objekte selbst, wie in Ethic. III, 10 dargelegt. Nun sind der Gebrauch von Speisen, Getränken und geschlechtlichen Dingen dem Charakter nach verschieden. Weshalb es verschiedener Tugenden bedarf, obwohl sie den einen Sinn betreffen.
Antwort auf Einwand 2: Geschlechtliche Lüste sind ungestümer und bedrängen die Vernunft stärker als die Lüste des Gaumens: und daher bedürfen sie in größerem Maße der Züchtigung und Zügelung, da, wenn man ihnen zustimmt, dies die Kraft der Begierde steigert und die Stärke des Geistes schwächt. Daher sagt Augustinus (Soliloq. I, 10): „Ich erachte, dass nichts den männlichen Geist so sehr von seiner Höhe herabwirft wie das Liebkosung der Frauen und jene körperlichen Berührungen, die zum Ehestand gehören.“
Antwort auf Einwand 3: Die Lüste der anderen Sinne gehören nicht zur Erhaltung der Natur des Menschen, außer insofern sie auf die Lüste des Tastsinns hingeordnet sind. Weshalb es in der Materie solcher Lüste keine andere unter der Mäßigkeit begriffene Tugend gibt. Aber die Lüste des Gaumens, wenngleich sie etwas auf die geschlechtlichen Lüste hingeordnet sind, sind wesentlich auf die Erhaltung des Lebens des Menschen gerichtet: weshalb sie aufgrund ihrer eigenen Natur eine spezielle Tugend haben, wenngleich diese Tugend, die Abstinenz genannt wird, ihren Akt auf die Keuschheit als ihr Ziel hinordnet.