II-II, q. 151 a. 2
Ob die Keuschheit eine allgemeine Tugend ist?
Quaestio 151 · Von der Keuschheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Keuschheit eine allgemeine Tugend ist. Denn Augustinus sagt (De Mendacio XX), dass „Keuschheit des Geistes die wohlgeordnete Bewegung des Geistes ist, die das Geringere nicht dem Größeren vorzieht.“ Dies aber kommt jeder Tugend zu. Also ist die Keuschheit eine allgemeine Tugend.
Einwand 2: Ferner leitet sich „Keuschheit“ von „Züchtigung“ ab [vgl. Artikel 1]. Nun sollte jede Bewegung des begehrenden Teils durch die Vernunft gezüchtigt werden. Da also jede moralische Tugend irgendeine Bewegung des Begehrens zügelt, scheint es, dass jede moralische Tugend Keuschheit ist.
Einwand 3: Ferner ist die Keuschheit der Unzucht entgegengesetzt. Unzucht aber scheint zu jeder Art von Sünde zu gehören; denn es steht geschrieben (Ps. 72,27): „Du wirst alle vernichten [Vulg.: ‚hast vernichtet‘], die unzüchtig von Dir weichen [Douay: ‚die Dir untreu sind‘].“ Also ist die Keuschheit eine allgemeine Tugend.
Dagegen spricht, dass Macrobius (In Somn. Scip. I, 8) sie als einen Teil der Mäßigkeit rechnet.
Ich antworte darauf, dass das Wort „Keuschheit“ auf zweierlei Weise verwendet wird. Erstens im eigentlichen Sinne; und so ist sie eine spezielle Tugend, die eine spezielle Materie hat, nämlich die Begierden, die sich auf geschlechtliche Lüste beziehen. Zweitens wird das Wort „Keuschheit“ metaphorisch verwendet: Denn so wie eine Vermischung der Körper zur geschlechtlichen Lust führt, welche die eigentliche Materie der Keuschheit und des ihr entgegengesetzten Lasters der Wollust ist, so führt auch die geistige Vereinigung des Geistes mit gewissen Dingen zu einer Lust, welche die Materie einer metaphorisch gesprochenen geistigen Keuschheit ist, sowie einer ebenfalls metaphorisch so genannten geistigen Unzucht. Denn wenn der menschliche Geist sich an der geistigen Vereinigung mit dem erfreut, mit dem vereinigt zu sein ihm gebührt, nämlich Gott, und sich davon zurückhält, sich an der Vereinigung mit anderen Dingen gegen die Erfordernisse der von Gott festgesetzten Ordnung zu erfreuen, so kann dies eine geistige Keuschheit genannt werden, gemäß 2 Kor. 11,2: „Ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau Christus zuzuführen.“ Wenn andererseits der Geist mit irgendwelchen anderen Dingen gegen die Vorschrift der göttlichen Ordnung vereinigt wird, so wird dies geistige Unzucht genannt werden, gemäß Jer. 3,1: „Du aber hast dich mit vielen Liebhabern eingelassen.“ Nimmt man Keuschheit in diesem Sinne, so ist sie eine allgemeine Tugend, weil jede Tugend den menschlichen Geist davon abzieht, sich an einer Vereinigung mit unerlaubten Dingen zu erfreuen. Dennoch besteht das Wesen dieser Keuschheit hauptsächlich in der Liebe (Caritas) und den anderen theologischen Tugenden, durch welche der menschliche Geist mit Gott vereinigt wird.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument fasst die Keuschheit im metaphorischen Sinne auf.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Artikel 1; Frage 142, Artikel 2), wird die Begierde nach dem, was Lust bereitet, besonders mit einem Kind verglichen, weil das Verlangen nach Lust uns konnatural ist, besonders nach den Lüsten des Tastsinns, die auf die Erhaltung der Natur gerichtet sind. Daher kommt es, dass, wenn die Begierde nach solchen Lüsten durch Zustimmung genährt wird, sie sehr stark wachsen wird, wie im Falle eines Kindes, das seinem eigenen Willen überlassen bleibt. Weshalb die Begierde nach diesen Lüsten in sehr hohem Maße der Züchtigung bedarf: und folglich wird die Keuschheit antonomastisch [im vorzüglichen Sinne] auf derartige Begierden angewandt, so wie die Tapferkeit sich auf jene Dinge bezieht, in denen wir der Stärke des Geistes am meisten bedürfen.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet die metaphorisch so genannte geistige Unzucht, die der geistigen Keuschheit entgegengesetzt ist, wie dargelegt.