II-II, q. 145 a. 1
Ob die Ehrenhaftigkeit dasselbe ist wie die Tugend?
Quaestio 145 · Von der Ehrbarkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Ehrenhaftigkeit nicht dasselbe ist wie die Tugend. Denn Cicero sagt (De Invent. Rhet. ii, 53), dass "das Ehrenhafte das ist, was um seiner selbst willen erstrebt wird". Die Tugend aber wird nicht um ihrer selbst willen erstrebt, sondern um der Glückseligkeit willen; denn der Philosoph sagt (Ethic. i, 9), dass "die Glückseligkeit der Lohn und das Ziel der Tugend ist". Also ist die Ehrenhaftigkeit nicht dasselbe wie die Tugend.
Einwand 2: Ferner bedeutet Ehrenhaftigkeit nach Isidor (Etym. x) "einen ehrenvollen Zustand". Ehre gebührt aber vielen Dingen außer der Tugend, da "das Lob das ist, was der Tugend eigentlich gebührt" (Ethic. i, 12). Also ist die Ehrenhaftigkeit nicht dasselbe wie die Tugend.
Einwand 3: Ferner ist die "innere Wahl der vornehmste Teil der Tugend", wie der Philosoph sagt (Ethic. viii, 13). Die Ehrenhaftigkeit scheint aber eher das äußere Verhalten zu betreffen, gemäß 1 Kor 14,40: "Alles geschehe ehrbar [honeste] und ordentlich" unter euch. Also ist die Ehrenhaftigkeit nicht dasselbe wie die Tugend.
Einwand 4: Ferner besteht Ehrenhaftigkeit anscheinend in äußerem Reichtum. Gemäß Sir 11,14 sind "Gutes und Böses, Leben und Tod [Armut und Reichtum] von Gott" [*Die Worte in Klammern fehlen in der Leonina-Ausgabe. Für Reichtum steht in der Vulgata 'honestas']. Die Tugend aber besteht nicht in äußerem Reichtum. Also ist die Ehrenhaftigkeit nicht dasselbe wie die Tugend.
Dagegen spricht, dass Cicero (De Offic. i, 5; Rhet. ii, 53) die Ehrenhaftigkeit in die vier Haupttugenden einteilt, in welche auch die Tugend eingeteilt wird. Also ist die Ehrenhaftigkeit dasselbe wie die Tugend.
Ich antworte darauf, dass, wie Isidor sagt (Etym. x), "Ehrenhaftigkeit einen ehrenvollen Zustand bedeutet", weshalb ein Ding ehrenhaft genannt werden kann, weil es der Ehre würdig ist. Ehre aber gebührt, wie oben gesagt (Quaestio [144], Artikel [2], ad 2), der Vorzüglichkeit: und die Vorzüglichkeit des Menschen wird hauptsächlich nach seiner Tugend bemessen, wie in Phys. vii, 17 dargelegt ist. Daher bezieht sich die Ehrenhaftigkeit im eigentlichen Sinne auf dasselbe wie die Tugend.
Antwort auf Einwand 1: Nach dem Philosophen (Ethic. i, 7) werden von den Dingen, die um ihrer selbst willen erstrebt werden, einige allein um ihrer selbst willen erstrebt und niemals um eines anderen willen, wie die Glückseligkeit, die das letzte Ziel ist; andere hingegen werden nicht nur um ihrer selbst willen erstrebt, insofern sie einen Aspekt des Guten in sich haben, selbst wenn uns durch sie kein weiteres Gut zuwüchse, sondern auch um eines anderen willen, insofern sie zu einem vollkommeneren Gut hinführen. Auf diese Weise sind die Tugenden um ihrer selbst willen erstrebenswert: weshalb Cicero sagt (De Invent. Rhet. ii, 52), dass "einige Dinge uns durch ihre eigene Kraft anlocken und uns durch ihren eigenen Wert anziehen, wie Tugend, Wahrheit, Wissen". Und dies genügt, um einem Ding den Charakter des Ehrenhaften zu verleihen.
Antwort auf Einwand 2: Einige der Dinge, die außer der Tugend geehrt werden, sind vorzüglicher als die Tugend, nämlich Gott und die Glückseligkeit, und solche Dinge sind uns aus der Erfahrung nicht so gut bekannt wie die Tugend, die wir Tag für Tag üben. Daher hat die Tugend einen größeren Anspruch auf den Namen der Ehrenhaftigkeit. Andere Dinge, die unterhalb der Tugend stehen, werden geehrt, insofern sie eine Hilfe zur Ausübung der Tugend sind, wie Rang, Macht und Reichtum [*Ethic. i, 8]. Denn wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), werden diese Dinge "von einigen Leuten geehrt, aber in Wahrheit ist nur der gute Mann der Ehre würdig". Ein Mann ist nun gut in Bezug auf die Tugend. Daher gebührt der Tugend Lob, insofern letztere um eines anderen willen erstrebenswert ist, während der Tugend Ehre um ihrer selbst willen gebührt: und auf diese Weise hat die Tugend den Charakter der Ehrenhaftigkeit.
Antwort auf Einwand 3: Wie wir dargelegt haben, bezeichnet das Ehrenhafte das, wem Ehre gebührt. Ehre nun ist eine Bezeugung der Vorzüglichkeit jemandes, wie oben gesagt (Quaestio [103], Artikel [1], 2). Man bezeugt aber nur das, was man weiß; und die innere Wahl wird nicht bekannt gemacht außer durch äußere Handlungen. Daher hat das äußere Verhalten den Charakter der Ehrenhaftigkeit, insofern es die innere Richtigkeit widerspiegelt. Aus diesem Grund besteht die Ehrenhaftigkeit der Wurzel nach in der inneren Wahl, ihr Ausdruck aber liegt im äußeren Verhalten.
Antwort auf Einwand 4: Weil die Vorzüglichkeit des Reichtums gemeinhin so angesehen wird, als mache sie einen Menschen der Ehre würdig, wird manchmal der Name der Ehrenhaftigkeit dem äußeren Wohlstand gegeben.