II-II, q. 144 a. 4
Ob auch tugendhafte Menschen sich schämen können?
Quaestio 144 · Von der Scham
Einwand 1: Es scheint, dass auch tugendhafte Menschen sich schämen können. Denn Gegensätze haben gegensätzliche Wirkungen. Nun schämen sich jene nicht, die in der Bosheit hervorragen, gemäß Jer 3,3: „Du hattest eine Hurenstirn, du wolltest nicht erröten.“ Also sind jene, die tugendhaft sind, eher geneigt, sich zu schämen.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 6), dass „Menschen sich nicht nur des Lasters schämen, sondern auch der Anzeichen des Bösen“: und dies geschieht auch bei den Tugendhaften. Also können sich tugendhafte Menschen schämen.
Einwand 3: Ferner ist Scham „Furcht vor Schande“ [Ethic. iv, 9]. Nun kann es tugendhaften Leuten geschehen, dass sie ehrlos sind, zum Beispiel wenn sie verleumdet werden oder wenn sie unverdient Tadel erleiden. Also kann sich ein tugendhafter Mensch schämen.
Einwand 4: Ferner ist die Scham ein Teil der Mäßigkeit, wie oben dargelegt (Frage [143]). Nun wird ein Teil nicht von seinem Ganzen getrennt. Da also die Mäßigkeit in einem tugendhaften Menschen ist, bedeutet dies, dass es die Scham auch ist.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iv, 9), dass ein „tugendhafter Mensch nicht schamhaft ist.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [1],2), ist Scham die Furcht vor irgendeiner Schande. Nun kann es auf zweierlei Weise geschehen, dass ein Übel nicht gefürchtet wird: erstens, weil es nicht als ein Übel gerechnet wird; zweitens, weil man es in Bezug auf sich selbst als unmöglich oder als nicht schwer zu vermeiden rechnet.
Dementsprechend kann die Scham einer Person auf zweierlei Weise fehlen. Erstens, weil die Dinge, die sie beschämen sollten, von ihr nicht als schändlich erachtet werden; und auf diese Weise sind jene, die tief in der Sünde stecken, ohne Scham, denn anstatt ihre Sünden zu missbilligen, prahlen sie damit. Zweitens, weil sie Schande als für sich selbst unmöglich oder als leicht zu vermeiden auffassen. Auf diese Weise sind die Alten und die Tugendhaften nicht schamhaft. Doch sind sie so disponiert, dass, wenn etwas Schändliches an ihnen wäre, sie sich dessen schämen würden. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iv, 9), dass „Scham im Tugendhaften hypothetisch ist.“
Antwort auf Einwand 1: Mangel an Scham tritt bei den besten und bei den schlechtesten Menschen durch verschiedene Ursachen auf, wie im Artikel dargelegt. Bei den mittelmäßigen Menschen findet sie sich, insofern sie eine gewisse Liebe zum Guten haben und doch nicht gänzlich frei vom Bösen sind.
Antwort auf Einwand 2: Es gehört zum tugendhaften Menschen, nicht nur das Laster zu meiden, sondern auch alles, was den Anschein des Lasters hat, gemäß 1 Thess 5,22: „Von allem Anschein des Bösen haltet euch fern.“ Auch der Philosoph sagt (Ethic. iv, 9), dass der tugendhafte Mensch „nicht nur das meiden sollte, was wirklich böse ist, sondern auch jene Dinge, die als böse angesehen werden.“
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Artikel [1], ad 1), verachtet der tugendhafte Mensch Ehrlosigkeit und Tadel als Dinge, die er nicht verdient, weshalb er sich ihrer nicht sehr schämt. Dennoch kann die Scham, wie die anderen Leidenschaften, bis zu einem gewissen Grad der Vernunft zuvorkommen.
Antwort auf Einwand 4: Die Scham ist ein Teil der Mäßigkeit, nicht als ob sie in deren Wesen einginge, sondern als eine Disposition zu ihr: weshalb Ambrosius sagt (De Offic. i, 43), dass „die Scham das erste Fundament der Mäßigkeit legt“, indem sie dem Menschen den Abscheu vor allem einflößt, was schändlich ist.