II-II, q. 144 a. 2
Ob sich die Scham auf eine schändliche Handlung bezieht?
Quaestio 144 · Von der Scham
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Scham nicht auf eine schändliche Handlung bezieht. Denn der Philosoph sagt (Ethic. iv, 9), dass „Scham die Furcht vor Schande ist.“ Nun erleiden manchmal jene, die nichts Unrechtes tun, Schmach, gemäß Ps 68,8: „Denn um deinetwillen trage ich Schmach, Scham bedeckt mein Angesicht.“ Also bezieht sich die Scham nicht eigentlich auf eine schändliche Handlung.
Einwand 2: Ferner ist anscheinend nichts schändlich außer dem, was sündhaft ist. Doch der Mensch schämt sich für Dinge, die keine Sünden sind, zum Beispiel wenn er eine niedrige Arbeit verrichtet. Also scheint es, dass sich die Scham nicht eigentlich auf eine schändliche Handlung bezieht.
Einwand 3: Ferner sind tugendhafte Taten nicht schändlich, sondern höchst schön gemäß Ethic. i, 8. Doch manchmal schämen sich Menschen, tugendhafte Taten zu vollbringen, gemäß Lk 9,26: „Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen“, usw. Also bezieht sich die Scham nicht auf eine schändliche Handlung.
Einwand 4: Ferner, wenn sich die Scham eigentlich auf eine schändliche Handlung bezöge, würde folgen: je schändlicher die Handlung, desto mehr würde man sich schämen. Doch manchmal schämt sich ein Mensch mehr für geringere Sünden, während er sich derer rühmt, die am schwerwiegendsten sind, gemäß Ps 51,3: „Was rühmst du dich der Bosheit?“ Also bezieht sich die Scham nicht eigentlich auf eine schändliche Handlung.
Dagegen spricht, dass Damascenus (De Fide Orth. ii, 15) und Gregor von Nyssa [Nemesius, De Nat. Hom. xx] sagen, dass „Scham die Furcht ist, eine schändliche Tat zu begehen oder vor einer begangenen schändlichen Tat.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (FS, Frage [41], Artikel [2]; FS, Frage [42], Artikel [3]), als wir von den Leidenschaften handelten, bezieht sich Furcht eigentlich auf ein schwieriges Übel, nämlich eines, das schwer zu vermeiden ist. Nun ist Schande zweifach. Es gibt die Schande, die dem Laster innewohnt, welche in der Deformität eines freiwilligen Aktes besteht: und diese hat, eigentlich gesprochen, nicht den Charakter eines schwierigen Übels. Denn das, was allein vom Willen abhängt, erscheint nicht als schwierig und über den Fähigkeiten des Menschen liegend: weshalb es nicht als furchterregend aufgefasst wird, und aus diesem Grund sagt der Philosoph (Rhet. ii, 5), dass solche Übel kein Gegenstand der Furcht sind.
Die andere Art von Schande ist sozusagen strafweise, und sie besteht in dem Tadel, der einer Person anhaftet, so wie der Glanz des Ruhmes darin besteht, dass eine Person geehrt wird. Und da dieser Tadel den Charakter eines schwierigen Übels hat, so wie Ehre den Charakter eines schwierigen Gutes hat, bezieht sich die Scham, welche Furcht vor Schande ist, zuallererst und vornehmlich auf Tadel oder Schmach. Und da Tadel eigentlich dem Laster gebührt, wie Ehre der Tugend gebührt, folgt daraus, dass die Scham sich auch auf die dem Laster innewohnende Schande bezieht. Daher sagt der Philosoph (Rhet. ii, 5), dass „ein Mensch sich weniger jener Defekte schämt, die nicht das Ergebnis irgendeines eigenen Fehlers sind.“
Nun bezieht sich die Scham auf zweierlei Weise auf den Fehler. Auf eine Weise enthält sich ein Mensch aus Furcht vor Tadel von lasterhaften Handlungen: auf eine andere Weise meidet ein Mensch, während er eine schändliche Tat begeht, die Öffentlichkeit aus Furcht vor Tadel. Im ersteren Fall, gemäß Gregor von Nyssa (Nemesius, De Nat. Hom. xx), sprechen wir davon, dass eine Person „errötet“, im letzteren sagen wir, dass sie sich „schämt“. Daher sagt er, dass „der Mensch, der sich schämt, im Verborgenen handelt, aber wer errötet, fürchtet, entehrt zu werden.“
Antwort auf Einwand 1: Die Scham bezieht sich eigentlich auf die Schande, wie sie der Sünde gebührt, welche ein freiwilliger Defekt ist. Daher sagt der Philosoph (Rhet. ii, 6), dass „ein Mensch sich mehr jener Dinge schämt, deren Ursache er ist.“ Nun verachtet der tugendhafte Mann die Schande, der er aufgrund der Tugend ausgesetzt ist, weil er sie nicht verdient; wie der Philosoph über den Großmütigen sagt (Ethic. iv, 3). So finden wir über die Apostel gesagt (Apg 5,41), dass „sie (die Apostel) vom Hohen Rat fortgingen und sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Jesu Schmach zu leiden.“ Es liegt an der Unvollkommenheit der Tugend, dass ein Mensch sich manchmal der Vorwürfe schämt, die er aufgrund der Tugend erleidet, da ein Mensch, je tugendhafter er ist, desto mehr die äußeren Dinge verachtet, seien sie gut oder böse. Weshalb geschrieben steht (Jes 51,7): „Fürchtet nicht die Schmach der Menschen.“
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Frage [63], Artikel [3]), bezieht sich die Ehre, obwohl sie eigentlich nur der Tugend allein gebührt, doch auf eine gewisse Vorzüglichkeit: und dasselbe gilt für den Tadel, denn obwohl er eigentlich nur der Sünde allein gebührt, bezieht er sich doch, zumindest nach der Meinung der Menschen, auf jede Art von Defekt. Daher schämt sich ein Mensch für Armut, schlechten Ruf, Knechtschaft und dergleichen.
Antwort auf Einwand 3: Die Scham bezieht sich nicht auf tugendhafte Taten als solche. Doch geschieht es akzidentell, dass ein Mensch sich ihrer schämt, entweder weil er sie gemäß menschlicher Meinung als lasterhaft ansieht, oder weil er fürchtet, als anmaßend oder heuchlerisch gekennzeichnet zu werden, weil er tugendhafte Taten vollbringt.
Antwort auf Einwand 4: Manchmal sind schwerwiegendere Sünden weniger beschämend, entweder weil sie weniger schändlich sind, wie geistige Sünden im Vergleich zu Sünden des Fleisches, oder weil sie eine gewisse Fülle eines zeitlichen Gutes konnotieren; so schämt sich ein Mensch mehr der Feigheit als der Tollkühnheit, des Diebstahls mehr als des Raubes, aufgrund eines Anscheins von Macht. Dasselbe gilt für andere Sünden.