II-II, q. 144 a. 3
Ob der Mensch sich mehr vor denen schämt, die ihm näher stehen?
Quaestio 144 · Von der Scham
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch sich nicht mehr vor denen schämt, die ihm näher stehen. Denn es wird in Rhet. ii, 6 festgestellt, dass „Menschen sich mehr vor denen schämen, von denen sie Billigung wünschen.“ Nun wünschen Menschen dies besonders von Leuten der besseren Art, die manchmal nicht mit ihnen verbunden sind. Also schämt sich der Mensch nicht mehr vor denen, die ihm näher stehen.
Einwand 2: Ferner stehen anscheinend jene näher, die gleiche Taten vollbringen. Nun wird der Mensch nicht durch jene seiner Sünde wegen beschämt, von denen er weiß, dass sie derselben Sünde schuldig sind, weil gemäß Rhet. ii, 6 „ein Mensch seinem Nächsten nicht verwehrt, was er selbst tut.“ Also schämt er sich nicht mehr vor denen, die ihm am nächsten stehen.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 6), dass „Menschen mehr Scham empfinden vor denen, die ihre Informationen an viele weitergeben, wie Spaßmacher und Geschichtenerzähler.“ Aber jene, die einem Menschen näher stehen, erzählen seine Laster nicht weiter. Also sollte man vor ihnen nicht hauptsächlich Scham empfinden.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 6), dass „Menschen am ehesten beschämt werden durch jene, bei denen sie nichts falsch gemacht haben; durch jene, von denen sie zum ersten Mal etwas erbitten; durch jene, deren Freunde sie werden wollen.“ Nun sind diese weniger eng mit uns verbunden. Also wird der Mensch nicht am meisten durch jene beschämt, die enger mit ihm vereint sind.
Dagegen spricht, dass in Rhet. ii, 6 festgestellt wird, dass „der Mensch am meisten beschämt wird durch jene, die ständig mit ihm zusammen sein werden.“
Ich antworte darauf, Da Tadel der Ehre entgegengesetzt ist, so wie Ehre die Bezeugung der Vorzüglichkeit jemandes bezeichnet, besonders der Vorzüglichkeit, die gemäß der Tugend ist, so bezeichnet auch Tadel, dessen Furcht die Scham ist, die Bezeugung des Defekts einer Person, besonders dessen, der aus der Sünde resultiert. Daher beschämt jemand eine andere Person umso mehr, je gewichtiger seine Bezeugung angesehen wird. Nun kann die Bezeugung einer Person als gewichtiger angesehen werden, entweder weil sie der Wahrheit sicher ist oder wegen ihrer Wirkung. Gewissheit der Wahrheit haftet den Bezeugungen einer Person aus zwei Gründen an. Erstens aufgrund der Richtigkeit ihres Urteils, wie im Falle weiser und tugendhafter Männer, von denen der Mensch mehr begehrt, geehrt zu werden, und durch die er zu einem größeren Schamgefühl gebracht wird. Daher flößen Kinder und die niederen Tiere niemandem Scham ein, aufgrund ihres Mangels an Urteilskraft. Zweitens aufgrund ihrer Kenntnis der bezeugten Sache, weil „jeder gut über das urteilt, was ihm bekannt ist“ [Ethic. i, 3]. Auf diese Weise sind wir eher geneigt, durch Personen beschämt zu werden, die mit uns verbunden sind, da sie besser mit unseren Taten vertraut sind: wohingegen Fremde und uns gänzlich unbekannte Personen, die nicht wissen, was wir tun, uns gar keine Scham einflößen.
Eine Bezeugung erhält Gewicht durch ihre Wirkung aufgrund irgendeines Vorteils oder Schadens, der daraus resultiert; weshalb Menschen mehr begehren, von denen geehrt zu werden, die ihnen von Nutzen sein können, und eher geneigt sind, durch jene beschämt zu werden, die ihnen irgendeinen Schaden zufügen können. Und aus diesem Grund wiederum, in gewisser Hinsicht, beschämen uns Personen, die mit uns verbunden sind, mehr, da wir ständig in ihrer Gesellschaft sein werden, als ob dies einen dauernden Schaden für uns mit sich brächte: wohingegen der Schaden, der von Fremden und Vorübergehenden kommt, fast sofort aufhört.
Antwort auf Einwand 1: Leute der besseren Art beschämen uns aus demselben Grund wie jene, die uns näher stehen; denn so wie die Bezeugung der besseren Männer mehr Gewicht hat, da sie eine universellere Kenntnis der Dinge haben und in ihren Urteilen an der Wahrheit festhalten: so ist auch die Bezeugung derer, unter denen wir leben, zwingender, da sie mehr über unsere Angelegenheiten im Detail wissen.
Antwort auf Einwand 2: Wir fürchten nicht die Bezeugung derer, die mit uns in der Gleichheit der Sünde verbunden sind, weil wir nicht denken, dass sie unseren Defekt als schändlich ansehen.
Antwort auf Einwand 3: Geschichtenerzähler beschämen uns aufgrund des Schadens, den sie anrichten, indem sie viele dazu bringen, schlecht von uns zu denken.
Antwort auf Einwand 4: Auch jene, bei denen wir kein Unrecht getan haben, beschämen uns mehr, aufgrund des Schadens, der folgen würde, weil wir nämlich die gute Meinung einbüßen würden, die sie von uns hatten: und wiederum, weil, wenn Gegensätze nebeneinandergestellt werden, ihr Gegensatz größer erscheint, sodass, wenn ein Mensch etwas Schändliches an einem bemerkt, den er für gut hielt, er es als umso schändlicher auffasst. Der Grund, warum wir mehr beschämt werden durch jene, von denen wir zum ersten Mal etwas erbitten, oder deren Freunde wir sein wollen, ist, dass wir fürchten, irgendeinen Nachteil zu erleiden, indem wir in unserer Bitte enttäuscht werden oder indem wir scheitern, ihre Freunde zu werden.