II-II, q. 142 a. 4
Ob die Unmäßigkeit die schändlichste der Sünden ist?
Quaestio 142 · Von den der Mäßigung entgegengesetzten Lastern.
Einwand 1: Es scheint, dass die Unmäßigkeit nicht die schändlichste der Sünden ist. Wie der Tugend Ehre gebührt, so gebührt der Sünde Schande. Nun sind einige Sünden schwerwiegender als Unmäßigkeit: zum Beispiel Mord, Gotteslästerung und dergleichen. Daher ist die Unmäßigkeit nicht die schändlichste der Sünden.
Einwand 2: Ferner sind jene Sünden, die häufiger vorkommen, scheinbar weniger schändlich, da sich die Menschen ihrer weniger schämen. Nun sind Sünden der Unmäßigkeit am häufigsten, weil sie sich auf Dinge beziehen, die mit dem allgemeinen Gebrauch des menschlichen Lebens verbunden sind und in denen viele zu sündigen pflegen. Daher scheinen Sünden der Unmäßigkeit nicht am schändlichsten zu sein.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. vii, 6), Mäßigung und Unmäßigkeit bezögen sich auf menschliche Begierden und Lüste. Nun sind gewisse Begierden und Lüste schändlicher als menschliche Begierden und Lüste; solche sind tierische Lüste und jene, die durch Krankheit verursacht werden, wie der Philosoph feststellt (Ethic. vii, 5). Daher ist die Unmäßigkeit nicht die schändlichste der Sünden.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iii, 10), „Unmäßigkeit verdiene zu Recht mehr Tadel als andere Laster.“
Ich antworte darauf, dass Schande scheinbar der Ehre und dem Ruhm entgegengesetzt ist. Nun gebührt Ehre der Vorzüglichkeit, wie oben dargelegt (Q. 103, Art. 1), und Ruhm bezeichnet Klarheit (Q. 103, Art. 1, ad 3). Dementsprechend ist die Unmäßigkeit aus zwei Gründen am schändlichsten. Erstens, weil sie der menschlichen Vorzüglichkeit am meisten zuwiderläuft, da sie sich auf Lüste bezieht, die uns und den niederen Tieren gemeinsam sind, wie oben dargelegt (Q. 141, Art. 2, 3). Weshalb geschrieben steht (Ps 48,21): „Der Mensch, da er in Ehren stand, hat es nicht verstanden: er ist den unverständigen Tieren gleichgestellt und ihnen ähnlich geworden.“ Zweitens, weil sie der Klarheit oder Schönheit des Menschen am meisten zuwiderläuft; insofern die Lüste, die die Materie der Unmäßigkeit sind, das Licht der Vernunft trüben, aus dem alle Klarheit und Schönheit der Tugend entspringt: weshalb diese Lüste als höchst knechtisch beschrieben werden.
Antwort auf Einwand 1: Wie Gregor sagt [Moral. xxxiii. 12], sind „die Sünden des Fleisches“, die unter dem Haupt der Unmäßigkeit zusammengefasst werden, obwohl weniger schuldhaft, doch schändlicher. Der Grund ist, dass Schuld an der Unordnung in Bezug auf das Ziel gemessen wird, während Schande die Schmach betrifft, die hauptsächlich von der Ungehörigkeit der Sünde in Bezug auf den Sünder abhängt.
Antwort auf Einwand 2: Die Häufigkeit einer Sünde vermindert die Schmach und Schande einer Sünde in der Meinung der Menschen, aber nicht in Bezug auf die Natur der Laster selbst.
Antwort auf Einwand 3: Wenn wir sagen, dass Unmäßigkeit am schändlichsten ist, meinen wir dies im Vergleich zu menschlichen Lastern, jenen nämlich, die mit menschlichen Leidenschaften verbunden sind, welche bis zu einem gewissen Grad in Übereinstimmung mit der menschlichen Natur stehen. Aber jene Laster, die das Maß der menschlichen Natur überschreiten, sind noch schändlicher. Dennoch sind solche Laster scheinbar auf die Gattung der Unmäßigkeit zurückzuführen, im Wege des Exzesses: zum Beispiel, wenn ein Mensch sich am Essen von Menschenfleisch ergötzt oder das widernatürliche Laster begeht.