II-II, q. 142 a. 1
Ob die Unempfindlichkeit ein Laster ist?
Quaestio 142 · Von den der Mäßigung entgegengesetzten Lastern.
Einwand 1: Es scheint, dass die Unempfindlichkeit (insensibilitas) kein Laster ist. Denn jene werden unempfindlich genannt, die einen Mangel in Bezug auf die Lüste des Tastsinns aufweisen. Nun scheint es aber lobenswert und tugendhaft zu sein, in solchen Dingen gänzlich enthaltsam zu sein; denn es steht geschrieben (Dan 10,2.3): „In jenen Tagen trauerte ich, Daniel, drei Wochen lang. Leckeres Brot aß ich nicht, Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund, und ich salbte mich nicht mit Salböl.“ Daher ist die Unempfindlichkeit keine Sünde.
Einwand 2: Ferner besteht „das Gut des Menschen darin, der Vernunft gemäß zu sein“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv). Die Enthaltsamkeit von allen Lüsten des Tastsinns ist nun für den Fortschritt des Menschen im Gut der Vernunft höchst förderlich; denn es steht geschrieben (Dan 1,17), dass Gott den „Jünglingen“, die Hülsenfrüchte zur Speise nahmen (Dan 1,12), „Wissen und Einsicht in jeder Schrift und Weisheit gab“. Daher ist die Unempfindlichkeit, welche diese Lüste gänzlich zurückweist, nicht sündhaft.
Einwand 3: Ferner scheint dasjenige, was ein sehr wirksames Mittel zur Vermeidung der Sünde ist, nicht sündhaft zu sein. Das wirksamste Heilmittel zur Vermeidung der Sünde ist aber, die Lüste zu meiden, und dies gehört zur Unempfindlichkeit. Denn der Philosoph sagt (Ethic. ii, 9): „Wenn wir uns der Lüste enthalten, sind wir weniger geneigt zu sündigen.“ Daher liegt in der Unempfindlichkeit nichts Lasterhaftes.
Dagegen spricht, dass nichts außer dem Laster der Tugend entgegengesetzt ist. Die Unempfindlichkeit aber ist der Tugend der Mäßigung entgegengesetzt, wie der Philosoph sagt (Ethic. ii, 7; iii, 11). Daher ist die Unempfindlichkeit ein Laster.
Ich antworte darauf, dass alles, was der natürlichen Ordnung zuwiderläuft, lasterhaft ist. Die Natur nun hat mit den Verrichtungen, die für das Leben des Menschen notwendig sind, Lust verknüpft. Daher verlangt die natürliche Ordnung, dass der Mensch von diesen Lüsten Gebrauch macht, insofern sie für das Wohl des Menschen notwendig sind, sei es zur Erhaltung des Individuums oder der Art. Wenn also jemand die Lust so weit zurückweisen würde, dass er Dinge unterließe, die für die Erhaltung der Natur notwendig sind, so würde er sündigen, da er gegen die Ordnung der Natur handelte. Und dies gehört zum Laster der Unempfindlichkeit.
Es muss jedoch beachtet werden, dass es manchmal lobenswert und sogar notwendig ist, um eines Zweckes willen sich solcher Lüste zu enthalten, die aus diesen Verrichtungen resultieren. So enthalten sich manche um der Gesundheit des Körpers willen der Lüste des Essens, Trinkens und des Geschlechtsverkehrs; ebenso zur Erfüllung bestimmter Verpflichtungen: So müssen sich Athleten und Soldaten vieler Lüste versagen, um ihre jeweiligen Aufgaben zu erfüllen. In gleicher Weise nehmen Büßer, um die Gesundheit der Seele wiederzuerlangen, Zuflucht zur Enthaltsamkeit von Lüsten als eine Art Diät; und jene, die sich der Kontemplation und den göttlichen Dingen widmen wollen, müssen sich sehr von fleischlichen Dingen enthalten. Doch gehört keines dieser Dinge zum Laster der Unempfindlichkeit, weil sie in Übereinstimmung mit der rechten Vernunft geschehen.
Antwort auf Einwand 1: Daniel enthielt sich auf diese Weise der Lüste, nicht aus einem Abscheu vor der Lust, als ob sie an sich böse wäre, sondern für einen lobenswerten Zweck, nämlich um sich durch die Enthaltsamkeit von den Lüsten des Körpers für die Höhen der Kontemplation geeignet zu machen. Daher berichtet der Text im Anschluss von der Offenbarung, die er unmittelbar danach empfing.
Antwort auf Einwand 2: Da der Mensch seine Vernunft nicht ohne seine sinnlichen Kräfte gebrauchen kann, welche eines körperlichen Organs bedürfen, wie im Ersten Teil (Q. 84, Art. 7, 8) dargelegt wurde, muss der Mensch seinen Körper erhalten, damit er seine Vernunft gebrauchen kann. Der Körper aber wird durch Verrichtungen erhalten, die Lust bereiten; weshalb das Gut der Vernunft nicht in einem Menschen sein kann, wenn er sich aller Lüste enthält. Doch wird dieses Bedürfnis, die Lüste des Körpers zu nutzen, größer oder kleiner sein, je nachdem, ob der Mensch die Kräfte seines Körpers mehr oder weniger zur Vollbringung des Vernunftaktes benötigt. Daher ist es lobenswert für jene, die die Aufgabe übernehmen, sich der Kontemplation zu widmen und anderen ein geistiges Gut zu vermitteln – gleichsam durch eine Art geistiger Zeugung –, sich vieler Lüste zu enthalten; nicht aber für jene, die durch Pflicht an körperliche Beschäftigungen und fleischliche Zeugung gebunden sind.
Antwort auf Einwand 3: Um die Sünde zu vermeiden, muss die Lust gemieden werden, jedoch nicht gänzlich, sondern so, dass sie nicht mehr gesucht wird, als die Notwendigkeit es erfordert.