II-II, q. 142 a. 3
Ob Feigheit ein größeres Laster ist als Unmäßigkeit?
Quaestio 142 · Von den der Mäßigung entgegengesetzten Lastern.
Einwand 1: Es scheint, dass Feigheit (timiditas) ein größeres Laster ist als Unmäßigkeit. Denn ein Laster verdient Tadel, weil es dem Gut der Tugend entgegengesetzt ist. Nun ist Feigheit der Tapferkeit entgegengesetzt, welche eine vorzüglichere Tugend ist als die Mäßigung, wie oben dargelegt (Art. 2; Q. 141, Art. 8). Daher ist Feigheit ein größeres Laster als Unmäßigkeit.
Einwand 2: Ferner, je größer die zu überwindende Schwierigkeit, desto weniger ist ein Mensch für sein Versagen zu tadeln; weshalb der Philosoph sagt (Ethic. vii, 7), dass „es kein Wunder ist, ja sogar verzeihlich, wenn ein Mensch von starken und überwältigenden Lüsten oder Schmerzen gemeistert wird.“ Nun scheint es schwieriger zu sein, Lüste zu beherrschen als andere Leidenschaften; daher heißt es in Ethic. ii, 3, dass „es schwieriger ist, gegen die Lust zu kämpfen als gegen den Zorn, welcher stärker zu sein scheint als die Furcht.“ Daher ist die Unmäßigkeit, die von der Lust überwunden wird, eine weniger schwere Sünde als die Feigheit, die von der Furcht überwunden wird.
Einwand 3: Ferner ist es wesentlich für die Sünde, dass sie freiwillig ist. Nun ist Feigheit freiwilliger als Unmäßigkeit, da kein Mensch unmäßig sein will, wohingegen manche Todesgefahren vermeiden wollen, was zur Feigheit gehört. Daher ist Feigheit eine schwerere Sünde als Unmäßigkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iii, 12), „Unmäßigkeit scheine dem freiwilligen Handeln verwandter zu sein als Feigheit.“ Daher ist sie sündhafter.
Ich antworte darauf, dass eines mit dem anderen auf zwei Arten verglichen werden kann. Erstens in Bezug auf die Materie oder das Objekt; zweitens von Seiten des Menschen, der sündigt: und in beiden Weisen ist Unmäßigkeit eine schwerere Sünde als Feigheit.
Erstens in Bezug auf die Materie. Denn die Feigheit scheut Todesgefahren, zu deren Vermeidung das Hauptmotiv die Notwendigkeit der Erhaltung des Lebens ist. Andererseits befasst sich die Unmäßigkeit mit Lüsten, deren Begehren für die Erhaltung des Lebens nicht so notwendig ist, weil, wie oben dargelegt (Art. 2, ad 2), die Unmäßigkeit mehr gewisse angefügte Lüste oder Begierden betrifft als natürliche Begierden oder Lüste. Je notwendiger nun das Motiv der Sünde, desto weniger schwerwiegend die Sünde. Daher ist Unmäßigkeit ein schwereres Laster als Feigheit, von Seiten des Objekts oder der bewegenden Materie.
In gleicher Weise wiederum von Seiten des Menschen, der sündigt, und dies aus drei Gründen. Erstens, weil die Sünde umso schwerer ist, je gesünder der Verstand des Menschen ist; weshalb Sünden denen nicht angerechnet werden, die von Sinnen sind. Nun betäuben schwere Furcht und Trauer, besonders in Todesgefahren, den menschlichen Geist, nicht aber so die Lust, die das Motiv der Unmäßigkeit ist. Zweitens, weil eine Sünde umso schwerer ist, je freiwilliger sie ist. Nun hat die Unmäßigkeit mehr vom Freiwilligen an sich als die Feigheit, und dies aus zwei Gründen. Der erste ist, weil Handlungen, die aus Furcht geschehen, ihren Ursprung im Zwang eines äußeren Agens haben, so dass sie nicht einfachhin freiwillig, sondern gemischt sind, wie in Ethic. iii, 1 dargelegt, wohingegen Handlungen, die um der Lust willen geschehen, einfachhin freiwillig sind. Der zweite Grund ist, weil die Handlungen eines unmäßigen Menschen im Einzelnen freiwilliger und der Gattung nach weniger freiwillig sind. Denn niemand möchte unmäßig sein, doch wird der Mensch durch einzelne Lüste verlockt, die aus ihm einen unmäßigen Menschen machen. Daher ist das wirksamste Mittel gegen Unmäßigkeit, nicht bei der Betrachtung von Einzelheiten zu verweilen. Umgekehrt verhält es sich in Dingen, die die Feigheit betreffen: weil die einzelne Handlung, die sich einem Menschen aufdrängt, weniger freiwillig ist, zum Beispiel seinen Schild wegzuwerfen und dergleichen, wohingegen der allgemeine Vorsatz freiwilliger ist, zum Beispiel sich durch Flucht zu retten. Nun ist das, was in den besonderen Umständen, in denen die Handlung stattfindet, freiwilliger ist, einfachhin freiwilliger. Daher ist die Unmäßigkeit, da sie einfachhin freiwilliger ist als die Feigheit, ein größeres Laster. Drittens, weil es leichter ist, ein Heilmittel für Unmäßigkeit zu finden als für Feigheit, da Lüste des Essens und des Geschlechts, welche die Materie der Unmäßigkeit sind, alltäglich vorkommen, und es dem Menschen möglich ist, ohne Gefahr durch häufige Übung in Bezug auf sie mäßig zu werden; wohingegen Todesgefahren selten vorkommen, und es für den Menschen gefährlicher ist, ihnen häufig zu begegnen, um aufzuhören, ein Feigling zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Die Vorzüglichkeit der Tapferkeit im Vergleich zur Mäßigung kann von zwei Standpunkten aus betrachtet werden. Erstens in Bezug auf das Ziel, das den Aspekt des Guten hat: weil Tapferkeit mehr auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist als Mäßigung. Und unter diesem Gesichtspunkt hat die Feigheit einen gewissen Vorrang vor der Unmäßigkeit, da durch Feigheit manche Menschen die Verteidigung des Gemeinwohls aufgeben. Zweitens in Bezug auf die Schwierigkeit, weil es schwieriger ist, Todesgefahren zu ertragen, als sich irgendwelcher Lüste zu enthalten: und unter diesem Gesichtspunkt besteht keine Notwendigkeit, dass Feigheit Vorrang vor Unmäßigkeit hat. Denn so wie es eine größere Stärke ist, die einer stärkeren Kraft nicht unterliegt, so ist es andererseits ein Beweis für ein geringeres Laster, von einer stärkeren Kraft überwunden zu werden, und einer schwächeren Kraft zu unterliegen, ist der Beweis für ein größeres Laster.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe zur Selbsterhaltung, um derentwillen man Todesgefahren scheut, ist viel wesensverwandter als irgendwelche Lüste des Essens und des Geschlechts, die auf die Erhaltung des Lebens gerichtet sind. Daher ist es schwieriger, die Furcht vor Todesgefahren zu überwinden, als das Begehren nach Lust in Angelegenheiten von Speise und Geschlecht: obwohl letzteres schwieriger zu widerstehen ist als Zorn, Trauer und Furcht, die durch gewisse andere Übel verursacht werden.
Antwort auf Einwand 3: Das Freiwillige bei der Feigheit hängt eher von einer allgemeinen als von einer besonderen Überlegung ab: weshalb wir in solchen Fällen das Freiwillige nicht einfachhin, sondern in einem eingeschränkten Sinne haben.