II-II, q. 14 a. 4
Ob ein Mensch sogleich zuerst wider den Heiligen Geist sündigen kann?
Quaestio 14 · Von der Lästerung wider den Heiligen Geist
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch nicht sogleich zuerst wider den Heiligen Geist sündigen kann, ohne zuvor andere Sünden begangen zu haben. Denn die natürliche Ordnung verlangt, dass man von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit bewegt wird. Dies ist offensichtlich in Bezug auf gute Dinge, gemäß Spr 4,18: „Der Pfad der Gerechten ist wie ein glänzendes Licht, das vorwärts geht und zunimmt bis zum vollen Tag.“ Nun ist in bösen Dingen das Vollkommene das größte Übel, wie der Philosoph feststellt (Metaph. v, text. 21). Da also die Sünde wider den Heiligen Geist die schwerste Sünde ist, scheint es, dass der Mensch dazu kommt, diese Sünde zu begehen, indem er geringere Sünden begeht.
Einwand 2: Ferner bedeutet wider den Heiligen Geist zu sündigen, aus bestimmter Bosheit oder aus Wahl zu sündigen. Nun kann der Mensch dies nicht tun, bis er viele Male gesündigt hat; denn der Philosoph sagt (Ethic. v, 6,9), dass „obwohl ein Mensch fähig ist, ungerechte Taten zu tun, er sie doch nicht sogleich so tun kann, wie ein ungerechter Mensch es tut“, nämlich aus Wahl. Daher scheint es, dass die Sünde wider den Heiligen Geist nicht begangen werden kann, außer nach anderen Sünden.
Einwand 3: Ferner beziehen sich Reue und Unbussfertigkeit auf denselben Gegenstand. Aber es gibt keine Reue, außer über vergangene Sünden. Daher gilt dasselbe für die Unbussfertigkeit, welche eine Spezies der Sünde wider den Heiligen Geist ist. Also setzt die Sünde wider den Heiligen Geist andere Sünden voraus.
Dagegen spricht: „Es ist ein Leichtes in den Augen Gottes, einen Armen plötzlich reich zu machen“ (Sir 11,23). Daher ist es umgekehrt möglich, dass ein Mensch, gemäß der Bosheit des Teufels, der ihn versucht, dazu verleitet wird, die schwerste der Sünden zu begehen, welche die wider den Heiligen Geist ist.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), auf eine Weise wider den Heiligen Geist zu sündigen bedeutet, aus bestimmter Bosheit zu sündigen. Nun kann man auf zweierlei Weise aus bestimmter Bosheit sündigen, wie an derselben Stelle gesagt wurde: erstens durch die Neigung eines Habitus; aber dies ist, eigentlich gesprochen, nicht wider den Heiligen Geist zu sündigen, noch kommt ein Mensch dazu, diese Sünde sogleich zu begehen, insofern sündhafte Handlungen vorausgehen müssen, um den Habitus zu verursachen, der zur Sünde verleitet. Zweitens kann man aus bestimmter Bosheit sündigen, indem man verächtlich die Dinge zurückweist, durch die ein Mensch von der Sünde abgezogen wird. Dies ist, eigentlich gesprochen, wider den Heiligen Geist zu sündigen, wie oben gesagt (Artikel [1]); und dies setzt auch meistens andere Sünden voraus, denn es steht geschrieben (Spr 18,3), dass „der Gottlose, wenn er in die Tiefe der Sünden gekommen ist, verachtet.“
Dennoch ist es möglich, dass ein Mensch in seiner ersten sündhaften Handlung durch Verachtung wider den Heiligen Geist sündigt, sowohl aufgrund seines freien Willens als auch aufgrund der vielen vorhergehenden Dispositionen, oder wiederum, indem er heftig zum Bösen bewegt wird, während er nur schwach am Guten hängt. Daher geschieht es niemals oder fast niemals, dass die Vollkommenen sogleich wider den Heiligen Geist sündigen: weshalb Origenes sagt (Peri Archon. i, 3): „Ich glaube nicht, dass jemand, der auf der höchsten Stufe der Vollkommenheit steht, plötzlich versagen oder fallen kann; dies kann nur stufenweise und Stück für Stück geschehen.“
Dasselbe gilt, wenn die Sünde wider den Heiligen Geist wörtlich für die Lästerung wider den Heiligen Geist genommen wird. Denn eine solche Lästerung, von der unser Herr spricht, geht immer aus verächtlicher Bosheit hervor.
Wenn wir jedoch mit Augustinus (De Verb. Dom., Serm. lxxi) unter der Sünde wider den Heiligen Geist die endgültige Unbussfertigkeit verstehen, betrifft dies die vorliegende Frage nicht, weil diese Sünde wider den Heiligen Geist das Verharren in der Sünde bis zum Ende des Lebens erfordert.
Antwort auf Einwand 1: Bewegung sowohl im Guten als auch im Bösen geschieht meistens vom Unvollkommenen zum Vollkommenen, je nachdem wie der Mensch im Guten oder Bösen fortschreitet: und doch kann in beiden Fällen ein Mensch von etwas Größerem (Gutem oder Bösem) beginnen als ein anderer Mensch. Folglich kann das, womit ein Mensch beginnt, vollkommen im Guten oder Bösen sein gemäß seiner Gattung, obwohl es unvollkommen sein mag in Bezug auf die Reihe der guten oder bösen Handlungen, wodurch ein Mensch im Guten oder Bösen fortschreitet.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet die Sünde, die aus bestimmter Bosheit begangen wird, wenn sie aus der Neigung eines Habitus hervorgeht.
Antwort auf Einwand 3: Wenn wir unter Unbussfertigkeit mit Augustinus (De Verb. Dom., Serm. lxxi) das Verharren in der Sünde bis zum Ende verstehen, ist es klar, dass sie Sünde voraussetzt, so wie die Reue es tut. Wenn wir sie jedoch für die habituelle Unbussfertigkeit nehmen, in welchem Sinne sie eine Sünde wider den Heiligen Geist ist, ist es offensichtlich, dass sie der Sünde vorausgehen kann: denn es ist möglich, dass ein Mensch, der niemals gesündigt hat, den Vorsatz hat, entweder zu bereuen oder nicht zu bereuen, falls er sündigen sollte.