II-II, q. 137 a. 2
Ob die Beharrlichkeit ein Teil der Tapferkeit ist?
Quaestio 137 · Von der Beharrlichkeit
1. Einwand: Es scheint, dass die Beharrlichkeit kein Teil der Tapferkeit ist. Denn gemäß dem Philosophen (Ethic. viii, 7) geht „die Beharrlichkeit auf Schmerzen des Tastsinns“. Diese aber gehören zur Mäßigung. Also ist die Beharrlichkeit eher ein Teil der Mäßigung als der Tapferkeit.
2. Einwand: Ferner geht jeder Teil einer moralischen Tugend auf gewisse Leidenschaften, welche jene Tugend mäßigt. Nun impliziert die Beharrlichkeit keine Mäßigung der Leidenschaften: denn je heftiger die Leidenschaften sind, desto lobenswerter ist es, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu verharren. Daher scheint es, dass die Beharrlichkeit nicht Teil einer moralischen Tugend ist, sondern eher der Klugheit, welche die Vernunft vervollkommnet.
3. Einwand: Ferner sagt Augustinus (De Persev. i), dass niemand die Beharrlichkeit verlieren kann; wohingegen man die anderen Tugenden verlieren kann. Also ist die Beharrlichkeit größer als alle anderen Tugenden. Nun ist eine Haupttugend größer als ihr Teil. Also ist die Beharrlichkeit kein Teil einer Tugend, sondern selbst eine Haupttugend.
Dagegen spricht, dass Cicero (De Invent. Rhet. ii) die Beharrlichkeit als einen Teil der Tapferkeit rechnet.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [123], Artikel [2]; FS, Quaestio [61], Artikel [3],4), eine Haupttugend jene ist, der vorzüglich etwas zugeschrieben wird, das Anspruch auf das Lob der Tugend erhebt, insofern sie es in Verbindung mit ihrer eigenen Materie praktiziert, worin es am schwierigsten zu bewerkstelligen ist. In Übereinstimmung damit wurde festgestellt (Quaestio [123], Artikel [2]), dass Tapferkeit eine Haupttugend ist, weil sie Festigkeit in Dingen bewahrt, in denen es am schwierigsten ist, fest zu stehen, nämlich in Todesgefahren. Daher folgt notwendigerweise, dass jede Tugend, die einen Anspruch auf Lob für das feste Ertragen von etwas Schwierigem hat, der Tapferkeit als sekundäre der Haupttugend angegliedert sein muss. Nun gibt das Ertragen der Schwierigkeit, die aus der Verzögerung bei der Vollendung eines guten Werkes entsteht, der Beharrlichkeit ihren Anspruch auf Lob: noch ist dies so schwierig wie das Ertragen von Todesgefahren. Daher ist die Beharrlichkeit der Tapferkeit angegliedert, als sekundäre der Haupttugend.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Angliederung von sekundären an Haupttugenden hängt nicht nur von der Materie ab, sondern auch vom Modus, weil in allem die Form mehr zählt als die Materie. Daher, obwohl die Beharrlichkeit hinsichtlich der Materie mehr mit der Mäßigung gemein zu haben scheint als mit der Tapferkeit, hat sie doch im Modus mehr mit der Tapferkeit gemein, im Punkt des Feststehens gegen die Schwierigkeit, die aus der Länge der Zeit entsteht.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Beharrlichkeit, von der der Philosoph spricht (Ethic. vii, 4,7), mäßigt keine Leidenschaften, sondern besteht lediglich in einer gewissen Festigkeit der Vernunft und des Willens. Aber die Beharrlichkeit, als Tugend betrachtet, mäßigt gewisse Leidenschaften, nämlich die Furcht vor Ermüdung oder Scheitern aufgrund der Verzögerung. Daher ist diese Tugend, wie die Tapferkeit, im Zornmütigen (irascibilis).
Antwort auf den 3. Einwand: Augustinus spricht dort von der Beharrlichkeit nicht als einem tugendhaften Habitus, sondern als einem bis zum Ende durchgehaltenen tugendhaften Akt, gemäß Mt 24,13: „Wer bis zum Ende beharrt, der wird gerettet werden.“ Daher ist es mit einer solchen Beharrlichkeit unvereinbar, verloren zu gehen, da sie dann nicht mehr bis zum Ende andauern würde.