II-II, q. 137 a. 1
Ob die Beharrlichkeit eine Tugend ist?
Quaestio 137 · Von der Beharrlichkeit
1. Einwand: Es scheint, dass die Beharrlichkeit keine Tugend ist. Denn gemäß dem Philosophen (Ethic. vii, 7) ist die Enthaltsamkeit größer als die Beharrlichkeit. Die Enthaltsamkeit aber ist keine Tugend, wie in Ethic. iv, 9 dargelegt wird. Also ist die Beharrlichkeit keine Tugend.
2. Einwand: Ferner lebt der Mensch „durch die Tugend recht“, gemäß Augustinus (De Lib. Arb. ii, 19). Nun kann man gemäß derselben Autorität (De Persever. i) von niemandem sagen, er habe die Beharrlichkeit, solange er lebt, es sei denn, er beharre bis zum Tod. Also ist die Beharrlichkeit keine Tugend.
3. Einwand: Ferner ist für jede Tugend erforderlich, dass man unwandelbar im Werk der Tugend verharrt, wie in Ethic. ii, 4 gesagt wird. Dies aber verstehen wir unter Beharrlichkeit; denn Cicero sagt (De Invent. Rhet. ii), dass „Beharrlichkeit das feste und dauernde Verharren in einem wohlüberlegten Vorsatz ist“. Also ist die Beharrlichkeit keine spezielle Tugend, sondern eine Bedingung jeder Tugend.
Dagegen spricht, dass Andronicus sagt: „Beharrlichkeit ist ein Habitus bezüglich der Dinge, bei denen man standhalten soll, und jener, bei denen man nicht standhalten soll, sowie jener, die indifferent sind.“ Nun ist ein Habitus, der uns anleitet, etwas gut zu tun oder etwas zu unterlassen, eine Tugend. Also ist die Beharrlichkeit eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Ethic. ii, 3) „die Tugend auf das Schwere und das Gute geht“; und wo daher eine spezielle Art von Schwierigkeit oder Gutheit vorliegt, da ist eine spezielle Tugend. Nun kann eine tugendhafte Tat zweifach Gutheit oder Schwierigkeit beinhalten. Erstens aus der Spezies des Aktes selbst, welche hinsichtlich des eigentümlichen Objektes jenes Aktes betrachtet wird; zweitens aus der Länge der Zeit, da es eine spezielle Schwierigkeit beinhaltet, lange in etwas Schwerem auszuharren. Daher gehört das lange Ausharren in etwas Gutem, bis es vollendet ist, zu einer speziellen Tugend.
Dementsprechend, so wie Mäßigung und Tapferkeit spezielle Tugenden sind, aus dem Grund, dass die eine die Lüste des Tastsinns mäßigt (was an sich eine schwere Sache ist), während die andere Furcht und Wagemut in Verbindung mit Todesgefahren mäßigt (was ebenfalls an sich etwas Schweres ist), so ist die Beharrlichkeit eine spezielle Tugend, da sie im Ertragen von Verzögerungen in den oben genannten oder anderen tugendhaften Taten besteht, soweit es die Notwendigkeit erfordert.
Antwort auf den 1. Einwand: Der Philosoph nimmt dort die Beharrlichkeit, wie sie sich in jenem findet, der das erträgt, was am schwersten lange zu ertragen ist. Nun ist es schwer, nicht das Gute, sondern das Übel zu ertragen. Und Übel, die Todesgefahr beinhalten, werden meistens nicht für lange Zeit ertragen, weil sie oft bald vorübergehen; weshalb die Beharrlichkeit nicht deswegen ihren Hauptanspruch auf Lob hat. Unter anderen Übeln stehen jene an vorderster Stelle, die den Lüsten des Tastsinns entgegengesetzt sind, weil Übel dieser Art die lebensnotwendigen Dinge betreffen: wie etwa der Mangel an Nahrung und dergleichen, was zuweilen langes Ertragen erfordert. Nun ist es für einen, der sich darüber nicht sehr grämt und sich auch nicht sehr an den entgegengesetzten Gütern erfreut, nicht schwer, diese Dinge lange zu ertragen; wie im Falle des mäßigen Mannes, in dem diese Leidenschaften nicht heftig sind. Aber sie sind am schwersten zu ertragen für einen, der von solchen Dingen stark affiziert wird, weil ihm die vollkommene Tugend fehlt, die diese Leidenschaften mäßigt. Wenn daher Beharrlichkeit in diesem Sinne genommen wird, ist sie keine vollkommene Tugend, sondern etwas Unvollkommenes in der Gattung der Tugend. Wenn wir andererseits Beharrlichkeit als langes Verharren in irgendeiner Art von schwerem Gutem verstehen, so besteht sie auch in einem, der vollkommene Tugend hat: denn selbst wenn es für ihn weniger schwer ist zu verharren, so verharrt er doch im vollkommeneren Guten. Daher kann eine solche Beharrlichkeit eine Tugend sein, weil die Tugend ihre Vollkommenheit eher vom Aspekt des Guten als vom Aspekt der Schwierigkeit herleitet.
Antwort auf den 2. Einwand: Manchmal haben eine Tugend und ihr Akt denselben Namen: so sagt Augustinus (Tract. in Joan. lxxix): „Glaube ist, zu glauben, ohne zu sehen.“ Doch ist es möglich, einen Habitus der Tugend zu haben, ohne den Akt auszuführen: so hat ein armer Mann den Habitus der Großartigkeit (magnificentia), ohne den Akt auszuüben. Manchmal jedoch beginnt eine Person, die den Habitus hat, den Akt auszuführen, vollendet ihn aber nicht; zum Beispiel beginnt ein Baumeister ein Haus zu bauen, stellt es aber nicht fertig. Dementsprechend müssen wir antworten, dass der Begriff „Beharrlichkeit“ manchmal verwendet wird, um den Habitus zu bezeichnen, durch den man wählt zu verharren, manchmal für den Akt des Verharrens: und manchmal wählt einer, der den Habitus der Beharrlichkeit hat, zu verharren und beginnt, seine Wahl auszuführen, indem er eine Zeit lang verharrt, vollendet aber den Akt nicht, weil er nicht bis zum Ende verharrt. Nun ist das Ende zweifach: eines ist das Ende des Werkes, das andere ist das Ende des menschlichen Lebens. Eigentlich gehört es zur Beharrlichkeit, bis zum Ende des tugendhaften Werkes zu verharren, zum Beispiel dass ein Soldat bis zum Ende des Kampfes ausharrt und der großartige Mann, bis sein Werk vollendet ist. Es gibt jedoch einige Tugenden, deren Akte das ganze Leben hindurch andauern müssen, wie Glaube, Hoffnung und Liebe, da sie das letzte Ziel des gesamten menschlichen Lebens betreffen. Daher wird hinsichtlich dieser, welche die Haupttugenden sind, der Akt der Beharrlichkeit nicht vor dem Ende des Lebens vollendet. In diesem Sinne spricht Augustinus von der Beharrlichkeit, indem er den vollendeten Akt der Beharrlichkeit bezeichnet.
Antwort auf den 3. Einwand: Unwandelbares Verharren kann auf zweifache Weise einer Tugend zukommen. Erstens aufgrund des beabsichtigten Ziels, das jener Tugend eigentümlich ist; und so gehört das lange Verharren im Guten bis zum Ende zu einer speziellen Tugend, die Beharrlichkeit genannt wird, welche dies als ihr spezielles Ziel beabsichtigt. Zweitens aufgrund der Beziehung des Habitus zu seinem Subjekt: und so folgt unwandelbares Verharren aus jeder Tugend, insofern Tugend eine „schwer veränderliche Qualität“ ist.