II-II, q. 136 a. 3
Ob es möglich ist, Geduld ohne Gnade zu haben?
Quaestio 136 · Von der Geduld
Einwand 1: Es scheint, dass es möglich ist, Geduld ohne Gnade zu haben. Denn je mehr sich seine Vernunft zu etwas neigt, desto eher ist es dem vernunftbegabten Geschöpf möglich, es zu vollbringen. Nun ist es vernünftiger, Übel um des Guten willen zu leiden als um des Übels willen. Doch manche leiden Übel um des Übels willen, durch ihre eigene Kraft und ohne die Hilfe der Gnade; denn Augustinus sagt (De Patientia iii), dass „Menschen viele Mühen und Schmerzen um der Dinge willen ertragen, die sie sündhaft lieben.“ Viel mehr ist es daher dem Menschen möglich, ohne die Hilfe der Gnade Übel um des Guten willen zu ertragen, und dies heißt, wahrhaft geduldig zu sein.
Einwand 2: Ferner haben manche, die nicht im Stand der Gnade sind, mehr Abscheu vor sündhaften Übeln als vor körperlichen Übeln: daher wird von einigen Heiden berichtet, sie hätten eher viele Mühsale ertragen, als ihr Vaterland zu verraten oder irgendeine andere Untat zu begehen. Nun heißt dies, wahrhaft geduldig zu sein. Daher scheint es, dass es möglich ist, Geduld ohne die Hilfe der Gnade zu haben.
Einwand 3: Ferner ist es ganz offensichtlich, dass manche viel Mühsal und Schmerz auf sich nehmen, um die Gesundheit des Körpers wiederzuerlangen. Nun ist die Gesundheit der Seele nicht weniger erstrebenswert als die körperliche Gesundheit. Daher kann man in gleicher Weise ohne die Hilfe der Gnade viele Übel für die Gesundheit der Seele ertragen, und dies heißt, wahrhaft geduldig zu sein.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps. 61,6): „Von Ihm“, d.h. von Gott, „ist meine Geduld.“
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Patientia iv), „die Stärke des Begehrens dem Menschen hilft, Mühsal und Schmerz zu ertragen: und niemand unternimmt es willentlich, Schmerzliches zu ertragen, außer um dessen willen, was Ergötzung bereitet.“ Der Grund dafür ist, dass Traurigkeit und Schmerz der Seele an sich missfallen, weshalb sie niemals wählen würde, sie um ihrer selbst willen zu erleiden, sondern nur um eines Zweckes willen. Daher folgt, dass das Gut, um dessentwillen man bereit ist, Übel zu ertragen, mehr begehrt und geliebt wird als das Gut, dessen Beraubung die Traurigkeit verursacht, die wir geduldig ertragen. Dass nun ein Mensch das Gut der Gnade allen natürlichen Gütern vorzieht, deren Verlust Traurigkeit verursachen kann, ist der Liebe [Caritas] zuzuschreiben, die Gott über alles liebt. Daher ist es offensichtlich, dass die Geduld als Tugend durch die Liebe verursacht wird, gemäß 1 Kor. 13,4: „Die Liebe ist geduldig.“
Es ist aber offenkundig, dass es unmöglich ist, die Liebe zu haben außer durch die Gnade, gemäß Röm. 5,5: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Daher ist es klar unmöglich, Geduld ohne die Hilfe der Gnade zu haben.
Antwort auf Einwand 1: Die Neigung der Vernunft würde in der menschlichen Natur im Zustand der Unversehrtheit vorherrschen. Aber in der verdorbenen Natur herrscht die Neigung der Begierlichkeit vor, weil sie im Menschen dominant ist. Daher ist der Mensch eher geneigt, Übel zu ertragen um der Güter willen, an denen sich die Begierlichkeit hier und jetzt ergötzt, als Übel zu ertragen um zukünftiger Güter willen, die gemäß der Vernunft begehrt werden: und doch ist es dies, was zur wahren Geduld gehört.
Antwort auf Einwand 2: Das Gut einer bürgerlichen Tugend [*Vgl. FS, Frage [61], Artikel [5]] entspricht der menschlichen Natur; und folglich kann der menschliche Wille ohne die Hilfe der heiligmachenden Gnade darauf hinzielen, jedoch nicht ohne die Hilfe der Gnade Gottes [*Vgl. FS, Frage [109], Artikel [2]]. Andererseits ist das Gut der Gnade übernatürlich, weshalb der Mensch durch eine natürliche Tugend nicht darauf hinzielen kann. Daher versagt der Vergleich.
Antwort auf Einwand 3: Auch das Ertragen jener Übel, die ein Mensch um der Gesundheit seines Körpers willen erträgt, entspringt der Liebe, die ein Mensch von Natur aus zu seinem eigenen Fleisch hat. Daher gibt es keinen Vergleich zwischen diesem Ertragen und der Geduld, die aus einer übernatürlichen Liebe hervorgeht.